Eine weitere, nicht weniger kritische, in ihrer Geschichtsbetrachtung vorbildliche Seite aus dem Nachlaß von Hans Otto Roth


 
        Unter den im Archiv der Schwarzen Kirche in Kronstadt aufbewahrten Unterlagen aus dem Nachlass von Hans Otto Roth befindet sich der folgende Text, der insgesamt 13 maschinenschriftliche Seiten lang ist und auf den 5. Maerz 1948 datiert ist. Auch eine Beilage wird angegeben, die aber leider nicht ueberliefert ist. Der Text liefert eine bisher unbekannte Sichtweise der Minderheitenfrage und des zentralistischen Nationalstaates, die dem Erfahrungsschatz des auch auf europaeischer Ebene  wirkenden Minderheitenpolitikers Roth entstammt. Roths Text verdeutlicht auch, wie ausgesprochen eingleisig und einseitig die angesprochenen Ereignisse der Zwischenkriegs- und Kriegszeit von der bisherigen siebenbuergisch-saechsisch-bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung dargestellt wurden. 
Abgedruckt in:

 Klaus Popa (Hg.), DIE RUMAENIENDEUTSCHEN ZWISCHEN DEMOKRATIE UND DIKTATUR.

DER POLITISCHE NACHLASS VON HANS OTTO ROTH 1919 - 1951

Nr. 496, S.785-792.


        Alle Rechte beim Herausgeber.
 

UNSERE BEZIEHUNGEN ZU DEUTSCHLAND
      
        Nach dem ersten Weltkrieg glichen die Deutschen in Europa verlorenen Schafen, voneinander getrennt und aufgespalten in 15 verschiedene Staaten. In Deutschland aber waren von 1918 bis 1933 Koalitionsregierungen am Ruder, denen jede einheitliche Ausrichtung fehlte. Das Einzige, was in aussenpolitischen Fragen allen Parteien der Weimarer Zeit gemeinsam war, war das Streben nach einer Verständigung oder - wenn möglich - nach einer Vereinigung mit dem politischen und wirtschaftlichen "Torso" Österreich sowie nach Wiedergewinnung von Danzig und den deutschen Teilen Polnisch-Schlesiens. Dabei war selbstverständlich nicht die Anwendung von Gewalt, an internationale Konflikte oder gar an Krieg gedacht. Den in Deutschland herrschenden Parteien wurde von der nationalistischen und später von der nazistischen Opposition vielmehr der bittere Vorwurf der "Erfüllungspolitik" und der blinden Unterwerfung unter das Diktat der Siegermächte gemacht. Hitler hat diese Zeit der deutschen Politik bekanntlich durch jahre hindurch mit den ätzenden Worten "14 Jahre der Schmach" gegeisselt. Gewiss, in der Frage Österreichs waren sich sämtliche politischen  Parteien Deutschlands einig. Dasselbe galt auch für die Parteien Österreichs. Sowohl die Christlich-Sozialen als auch die Sozialdemokraten unter Renner und Seitz traten in der vornationalsozialistischen Zeit grundsätzlich für den "Anschluss" an Deutschland ein. So kam es im Jahre 1929 unter Curtius und Schober zu dem Versuch einer Zollunion zwischen den beiden Staaten, die aber über Beschluss des Völkerbundes wieder abgeblasen werden musste. Mehr Verständnis zeigte sich in der Welt dagegen für eine positive Lösung der Danziger Frage. Hätte Hitler dieses Problem später mit friedlichen Mitteln angegangen, wäre vielleicht eine gütliche Einigung zwischen allen massgebenden internationalen Faktoren möglich gewesen. Weniger Chancen bestanden in der schlesischen Frage. Warum führe ich all dies hier an? Um aufzuzeigen, dass sich das aussenpolitische Interesse Deutschlands damals auf drei klarumgrenzte Probleme beschränkte: Österreich, Danzig und Schlesien. Alle diese Fragen berührten aber lediglich Grenzlandprobleme, die vor allem wirtschaftsbedingt waren und in deren behandlung das Sudetendeutschtum charakteristischer Weise nicht einbezogen war. Von einer imperialistischen Politik Deutschlands war zu jener Zeit also wirklich keine Rede. Es war der Demonie Adolf  Hitler's vorbehalten, jene Vabanquepolitik einzuleiten, die den ganzen Osten Europas umspannte und das deutsche Volk zur grössten Katastrophe seiner Geschichte führte. Ich erinnere mich noch lebhaft an ein Gespräch, das ich gelegentlich einer Audienz mit dem damaligen Reichspräsidenten hatte1. Es handelte sich um das Angebot junger, schwärmerischer Deutscher, in den im Memelgebiet ausgebrochenen Konflikt zwischen Deutschen und Litauern gewaltsam einzugreifen. Der alte Feldmarschall sagte, er habe den jungen Leuten mit väterlicher Güte zugesprochen: "Ihr seid sicher gute Patrioten und wollt das Beste Eueres Vaterlandes. Es wird aber besser sein, wenn ihr von allen abenteuerlichen Plänen ablasst und zuseht, dass Ihr was ordentliches lernt, um später im Berufsleben Euern Mann zu stellen. Deutschland ist ein machtloser Staat, der bestrebt sein muss, seine Wunden zu heilen und seine Wirtschaft wieder aufzubauen. Für Husarenstückchen ist heute keine Zeit." Dieses Wort des alten Hindenburg, der alles andere war nur kein Mucker oder Feigling, charakterisiert die ganze Lage in Deutschland aus der Zeit vor der Machtergreifung Hitler's. Weder zur Zeit des Rapallo-Vertrages, der im jahre 1922 zwischen Tschitscherin und Rathenau abgeschlossen wurde, noch zur Zeit der im Jahre 1927 zwischen Briand und Stresemann geführten Besprechungen von Thoiry wäre es möglich gewesen, einer imperialistischen Politik Deutschlands das Wort zu reden. Die spätere Gewaltpolitik der Nazis fand ihre geistigen Vorläufer nur in gewissen alldeutschen Kreisen, die aber machtpolitisch ohne jede Bedeutung waren.
        In den Beziehungen der deutschen Minderheiten zu Deutschland vollzog sich nach dem ersten Weltkrieg allerdings eine nicht unwesentliche Änderung. Während früher zwischen den Auslandsdeutschen und dem Reich nur vereinzelte persönliche Beziehungen bestanden hatten, wurde der Zusammenhang nach 1918 konkreter und kontinuierlicher. Ausser dem "Verein für das Deutschtum im Ausland", der vor 1918 die einzige Verbindung zu Deutschland darstellte und der - ähnlich wie artverwandte Organisationen in der Tschechoslowakei und in Polen - rein kulturelle Aufgaben hatte, entstanden nach 1924 auch losere Zusammenhänge zu politischen Kreisen Deutschlands. Von starker geistiger Bedeutung war der sogenannte "Volksdeutsche Klub", ein gesellschaftlicher Kristallisationspunkt, der überparteilichen Charakter hatte und an dem geistig interessierte Deutsche aller Gesellschaftskreise teilnahmen.
        Der Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie ebenso wie der des Zarenreiches vorher und die Gründung neuer Staaten wie der Tschechoslowakei, des neuen Polens, Jugoslawiens unter Erweiterung des alten serbischen Kerns, die Ausdehnung Rumäniens auf Teile des alten Ungarns und Österreichs, die Beschränkung Ungarns auf sieben Millionen Einwohner, von denen nur sechs Millionen Magyaren waren, im Nordosten die Gründung Estlands, Lettlands und Litauens, schufen nach 1918 eine vollkommen neue Lage für die Deutschen ausserhalb Deutschlands und Österreichs. Waren sie 1871 "Auslandsdeutsche" geworden, so wurden sie jetzt "nationale Minderheiten". Und zwar in Staaten, die selbst national keineswegs einheitlich waren, sondern entsprechend der national so gemischten Siedlung dieser Gebiete viele Minderheiten in sich schlossen. Vielfach waren diese neuen Staaten ein verkleinertes Abbild der alten Donaumonarchie, aber mit dem Unterschied, dass die staatsführenden Völker aus ihrem Nationalitätenstaat mancherorts durch Assimilierung der Minderheiten einen Nationalstaat zu machen bestrebt waren, und zwar naturgemäss mit umso grösserem Fanatismus je schwächer sie waren. Dabei nahm die deutsche Minderheit in Rumänien eine Sonderstellung ein. Einerseits fehlte bei ihr angesichts der räumlichen Entfernung von Deutschland jede irredentistische Gefahr. Anderereits bemühten sich die rumänischen Regierungen vielfach sogar von sich aus, das Nationalbewusstsein der deutschen Minderheit - besonders im ersten Jahrzehnt nach der Vereinigung - mit allen Mitteln zu stärken, um auf diese Art ein Gegengewicht gegen die Erfolge der Magyarisierung im Banat zu schaffen2. Tatsächlich hatten die Banater Schwaben in den 2-3 Jahrzehnten vor 1918 jeden Kontakt mit dem deutschen Mutterland verloren und waren in ihrer führenden Schicht allmählich nach Gefühl und Sprache Magyaren geworden.


1 Die Audienz fand anlässlich des Deutschlandbesuches statt, als Roth auch von Hitler empfangen wurde.
2 Diese Sichtweise ist in keinem der einschlägigen historischen Werke, die die Minderheitenpolitik Grossrumäniens behandeln, anzutreffen. Auch nicht bei Johann Böhm, Die Deutschen in Rumänien und die Weimarer Republik, Ippesheim 1993.


Das Vorhandensein einer deutschen Minderheit an der ungarischen Grenze aber war für Rumänien dem Vorhandensein einer ungarischen oder magyarisierten Minderheit vorzuziehen. Darum fasste Dr. Branisce, der seinerzeitige Leiter des Unterrichtsressorts des Siebenbürgischen Regierungsrates gelegentlich einer im September 1919 in Temesvar gehaltenen programmatischen Rede die den Banater Schwaben gegenüber zu befolgende Politik Rumäniens auch in den Worten zusammen: "Wir wollen nicht rumänisieren, sondern germanisieren!" Tatsache ist, dass die Regermanisierung der Schwaben von allen rumänischen Regierungen mit Sorgfalt betrieben wurde.
        In Deutschland selbst hatte sich nach 1918 eine starke überparteiliche Bewegung herausgebildet, die einer reformatorischen Entwicklung der für Europa gefährlich werdenden "Minderheitenfrage" Hilfe leisten wollte. Im jahre 1922 wurde von den deutschen Minderheiten der "Verband der Deutschen Volksgruppen in Europa" geschaffen, der eine lose Zusammenfassung von nicht weniger als 10 Millionen Auslandsdeutschen darstellte. Zwei jahre später wurde dann auch der sogenannte "Europäische Nationalitätenkongress" begründet, der von dem slowenischen Politiker Dr. Iosip Wilfan* geführt wurde und nicht weniger als 44 Millionen Menschen umschloss. Der "Europäische Nationalitätenkongress" fand auch Förderung von Seiten weitschauender Staatsmänner Rumäniens und Jugoslawiens. Diese wussten, je mehr Freiheit zur friedlichen Entfaltung sie dem Streben der Volksgruppen nach kultureller Selbsthilfe gaben, umso mehr nahmen sie den radikalen, meist jüngeren und sozial unbefriedigten Elementen, die nichts zu verlieren hatten und eine mehr sentimentale, ja abenteuerliche Politik verfolgten, den Wind aus den Segeln. Diese Staatsmänner hatten auch die innere Entwicklung in Deutschland aufmerksam genug verfolgt, um zu wissen, dass dort in dem verhältnis der breiten Massen zu den Deutschen ausserhalb des reiches eine Änderung eingetreten war. Vor allem wussten sie auch, dass es Sowjetrussland gelungen war, die Minderheitenfrage durch Gewährung kultureller Autonomie an alle Völker Russlands zu lösen3 .


* Dr. Wilfan ist heute bekanntlich Vertreter Jugoslawiens bei den Vereinigten Nationen in New-York. [Anmerkung Roths]
3 Diese Politik wurde durch Stalin, dem Nachfolger Lenins, in brutaler weise zurückgenommen.


        Die reichsdeutschen Soldaten hatten im ersten Weltkrieg in weitabliegenden Gebieten Deutsche angetroffen und kennengelernt, von denen sie vorher keine Vorstellung gehabt hatten. Weite Kreise der Jugend aber hatten auf Wanderungen eine unmittelbare Anschauung von deutschen Volksgruppen gewonnen. Besonders auf die deutsche Jugend wirkte die Anziehung, die von den einfachen und bäuerlichen, noch weithin ursprünglichen und patriarchalischen Zuständen in den deutschen Volksgruppen ausging, ausserordentlich stark. Gerade jener Teil der Jugend, der von dem zivilisatorisch uniformierten, industrialisierten Deutschland nicht befriedigt war, entdeckte in den Volksgruppen ältere deutsche Lebensformen, die sich durch ihre Geschlossenheit und Traditionstreue und durch z.T. sehr alten Formen der Selbstverwaltung anzogen. Die grössere Unabhängigkeit vom Staate, das Streben nach kultureller Selbsthilfe, das in den Volksgruppen lebte, bestärkte jenen Teil der deutschen Jugend, der gegen den reichsdeutschen Zentralismus Stellung nahm und ein sich immer mehr und mehr klärendes Bild von einem auf Selbsthilfe und Selbstverwaltung gestellten Staat pflegte. Man gewann ein neues Verhältnis zum eigenen Staat, wenn man jene Arbeit der Volksgruppen kennenlernte, die sich in einer staatsfreieren Sphäre vollzog und die dabei die Parole "volkstreu und staatstreu" in hohem masse ernst nahm. Gerade von den Volksgruppen her wurde in einem Teil der deutschen Jugend das Gefühl dafür gestärkt, dass dem deutschen Volke durch seine Geschichte und durch seine Lage in der Mitte Europas nicht der Weg des zentralistischen Nationalstaates nach westlichem Muster vorgezeichnet war, sondern der Weg einer föderativen Statasgestaltung in der Mitte Europas. Gerade der Gedanke der nationalen Kulturautonomie erwies sich als fruchtbar für eine Elite, die danach strebte, eine vom zentralistischen Staate freie Sphäre zu schaffen, in der sich der geistige Volkszusammenhang auswirken konnte, ohne fremde Souveranitätsrechte zu zerstören und ohne europäische Konflikte heraufzubeschwören4. Fast alle Völker Europas umschlossen ja "Minderheiten", es handelte sich um einen europäischen und nicht allein deutschen Gedanken, der der Nationalstaatsidee des 19. Jahrhunderts neue europäische Gestaltungsmöglichkeiten bot.


4 Sämtliche Unterstreichungen stammen von Roth.


         Diese Entwicklung der deutschen Jugend freilich hatte einen verhängnisvollen Wettlauf mit der innerpolitischen Entwicklung in Deutschland zu bestehen, die durch den aussenpolitischen Druck und die wachsende Arbeitslosigkeit radikalisiert wurde. Der französische Ruhreinfall bedeutete einen Wendepunkt. Die Verschärfung des Kampfes um die Grenzen Deutschlands liess leider den parteipolitischen Kampf um die Vorherrschaft im Reich in den Vordergrund treten. Mit dem Ruhrkampf beginnt der Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung. Der Weg vom Zweiten zum Dritten Reich war damit frei geworden.
        Der Nationalsozialismus hätte seinen Charakter verleugnet, wenn er nicht alsbald das Problem des "Auslandsdeutschtums" für sein machtpolitisches Streben ausgenützt hätte. Zunächst bedeuteten ihm freilich die "Auslandsdeutschen" nichts. Schlagender Beweis dafür war die völlige Verständnislosigkeit Hitler's für eine der geschlossensten und wertvollsten deutschen Minderheiten, nämlich für die Deutschen Südtirols, die er bedenkenlos Mussolini opferte. Aber mit der Witterung für alle Möglichkeiten der Machterweiterung beobachtetet die Nazipartei alsbald die deutschen Minderheiten und jene überparteiliche Bewegung in Deutschland, die sich für die Ausgestaltung der kulturellen Selbsthilfe und Selbstverwaltung der deutschen Minderheiten einsetzte. Dabei wurde frühzeitig dem Instinkt Hitler's, der ja selbst ein nach Deutschland hinübergewechselter "Volksdeutscher", bezw. Österreicher war, zweierlei klar. Einmal waren jene auf Selbstverwaltung und auf eine staatsfreie Sphäre gestellten Traditionen der deutschen Minderheiten soweit sie nach Deutschland hinüberwirkten, wenn sie sich mit verwandten innerpolitischen Tendenzen in Deutschland verbanden, dem Totalitätsanspruch der Partei gefährlich. Zum zweiten bot die teilweise Enttäuschung der deutschen Minderheiten über die nach ihrer Meinung ungenügende Auswirkung der Minderheitenschutzverträge und des Völkerbundes einen vorzüglichen Nährboden für die nationalsozialistische Propaganda dar.
           Dazu kamen psychologische, soziale und wirtschaftliche Faktoren. Die deutschen Südost- und Osteuropas, die vor 1918 in Russland, Polen und der Donaumonarchie zwar umkämpfte, aber doch seit Jahrhunderten festumrissene rechtliche, wirtschaftliche und soziale Stellungen innehatten, waren 1918 in kleine neue oder neugeformte Staaten versetzt worden, deren Autorität nicht zu vergleichen war mit der der beiden alten grossen Reiche. In wirtschaftliche und soziale Enge gepfercht, vom höheren Staatsdienst im neuen Vaterlande, von den höheren Stellen in Heer, Verwaltung, Diplomatie ausgeschlossen, war die vielfach arbeitslose Jugend ohne Zukunft und zwar in weit stärkerem Masse als in Deutschland, das wirtschaftlich bereits wieder gewisse Pforten in die Welt geöffnet hatte und trotz der herrschenden Arbeitslosigkeit den Menschen deutscher Muttersprache unverhältnismässig grössere Möglichkeiten bot. Wenn es auch einzelnen deutschen Minderheiten, namentlich den agrarischen in Rumänien, Ungarn, Jugoslawien und der Tschechoslowakei wirtschaftlich vermöge des Erbes der Vergangenheit der alten Donaumonarchie gut ging, so waren doch die Entfaltungsmöglichkeiten für die Jugend vielfach beschränkt. Man wendet oft ein, diese Entfaltungsmöglichkeiten sollen für den, der rumänisch, tschechisch, ungarisch oder serbo-kroatisch lernte und sich als loyaler Staatsbürger eingliederte, auch in der Heimat gegeben gewesen. Das ist insofern nicht richtig, als die Kenntnis der Landessprache, die allgemein wurde, keineswegs genügte, auch ein loyales Verhalten dem Staate gegenüber nicht, sondern dass die staatsführenden Völker sich im Kampf gegen die Donaumonarchie und Russland, in ihrer staatenlosen Zeit in eine Ideologie hineingelebt hatten, die mancherorts die volksmässige Assimilierung der Minderheiten, d.h. das Aufgehen des einzelnen im fremden Volkstum als Ziel ansah. Rumänien hat darin eine wohltuende Ausnahme gemacht, wenn es auch richtig ist, dass nach 1928 auch gegen Deutsche eine Reihe rassenpolitischer Massnahmen getroffen wurden.
        So kam es, dass bei den deutschen Minderheiten gerade von der Jugend her eine romantische Verherrlichung der reichsdeutschen Verhältnisse einsetzte, die man nur wenig kannte. Wer öfter in den Siedlungen der deutschen Minderheiten herumkam, der erfuhr es immer wieder, wie schwer es war, den Jüngeren in den Volksgruppen jene Vorzüge ihrer Lage klarzumachen, die der des industrialisierten und uniformierten "Reiches" müde Reichsdeutsche so oft draussen bei den "Volksdeutschen" sah: ihre breitere agrarische Basis und vor allem die grosse Möglichkeit, zu fremden Völkern hin zu vermitteln und alle die Hoffnungen einer friedlichen Entwicklung in der Richtung auf ein föderalistisches Europa zu fördern5.


5 Die Modernität und Aktualität des föderalistischen Gedankens für Europa steht auf der Hand.


        Die anfangs so gelungenen Versuche der älteren, antihitleristischen Kreise innerhalb der Volksgruppen, den nationalsozialismus von den deutschen Minderheiten fernzuhalten, scheiterte nach den Erfolgen Hitler's in Österreich und der Tschechoslowakei, besonders aber nach der siegreichen Beendigung der Feldzüge in POlen, Norwegen und Frankreich. So ergoss sich in den jahren 1938/40 eine mächtige Welle der Propaganda über die deutschen Minderheiten in Europa, die durch Geld und Agitatoren wirkungsvoll unterstützt wurde. Als Hitler im Oktober 1940 dann das "Reichskommissariat für die Förderung des deutschen Volkstums im Ausland" schuf und den berüchtigten Heinrich Himmler an die Spitze dieser "Dienststelle" setzte, war unser Schicksal besiegelt. Seit dieser Zeit wurden die deutschen Minderheiten in Ost- und Südosteuropa ein Tummelplatz der SS, die sich bei uns ungehindert austobte. Schon nach wenigen Wochen begannen jene unglückseligen "Umsiedlungen" deutscher  Minderheiten, die in Estland, Lettland und Litauen ihren Anfang nahmen, um in Südtirol fortgesetzt und in Bessarabien, der Bukowina und der Dobrudscha zu Ende geführt zu werden. Mehr als eine Million deutscher  Minderheitler wurde auf diese Art vom Heimatsboden gelöst, ohne dass sie in neue, feste Siedlungen gebracht worden wären. Es begann für diese armen menschen ein Kalvarienweg, auf dem Hunderttausende elend zu Grunde gingen. Ja, selbst heute, nach 6-8 Jahren führen sie vielfach ein Nomadendasein, das ihnen jede Freude am dasein raubt.
        Die am 2. Oktober 1939 gehaltene Rede Hitler's über die geplante Umsiedlung der deutschen Minderheiten versetzte uns in tiefste Erregung. Ich und viele andere wendeten sich mit Denkschriften an die deutsche Regierung und beschworen sie, die Umsiedlung der Sachsen und Schwaben keinesfalls ins Auge zu fassen. Wie gefährlich die geplante Aktion war, beweist ein politischer tagesbericht, der Journalisten aus dem Südosten am 13. Oktober 1939 in Berlin zur Verfügung gestellt wurde. Es heisst darin unter anderm wörtlich:

            "Hitler hat von Anfang an den Grundsatz vertreten, dass alle         Deutschen im Deutschen Reich vereinigt sein müssten. Nachdem er durch seine weitschauende Politik den Anschluss Österreichs, des Sudetenlandes, Memels, Danzigs und der von Deutschen besiedelten Gebiete Polens erreicht und darüber hinaus Gebiete gewonnen hat, die zum deutschen Lebensraum gehören, obwohl sie von Nichtdeutschen besiedelt sind, will er jetzt vollkommen klare ethnographische Grenzen schaffen. Zu diesem zweck hat er beschlossen, eine umfangreiche Umstellung der deutschen Minderheiten vorzunehmen. Einerseits soll dadurch ihr unausweichlicher Untergang inmitten von Nichtdeutschen vermieden werden. Andererseits hat die Aktion das Ziel, den dauernden Besitz des gewonnenen Lebensraumes durch die Ansiedlung von Deutschen und die Entfernung der fremdvölkischen Bewohner zu sichern. Wie schon mehrmals erklärt wurde, wünscht Deutschland seine Friedensliebe darzutun. Durch Umsiedlung der deutschen Minderheiten und die Ziehung klarer ethnographischer Grenzen wird jeder Grund für künftige Konflikte aus der Welt geschafft. Solche Konflikte wären unvermeidlich, wenn die Rechte der deutschen Minderheiten in den Gastländern missachtet würden. Das nationalsozialistische Deutschland hält es für seine Pflicht, über das Schicksal aller Deutschen zu wachen, ohne Rücksicht darauf, wo sie leben. Daher wird Deutschland durch die Umsiedlung dem Friedensgedanken einen grossen Dienst erweisen. Die Umsiedlung der deutschen Minderheiten aus den Südost-Staaten hat ausserdem eine besondere wirtschaftliche Bedeutung. Es ist richtig, dass die Beziehungen Deutschlands zu Ungarn, Jugoslawien und Rumänien in jeder Hinsicht zufriedenstellend sind.
        Deutschland hat keinen Grund zur Klage. Aber die Kriegsverhältnisse hatten zur Folge, dass der gegenseitige Güteraustausch trotz beiderseitiger Anstrengungen in ständigem Rückgang begriffen sit. Deutschland will wie bisher aus diesen Staaten landwirtschaftliche Erzeugnisse beziehen. Da sich seine Ausfuhr infolge der Kriegsverhältnisse bedeutend verringert hat, sind auch die Deviseneingänge geringer geworden. Die Exporteure fordern von Deutschland wie von den übrigen Staaten Zahlung in bar d.h. in Devisen. Deutschland ist also gezwungen, sich Devisen auf andere Weise zu beschaffen. Und darin liegt die tiefere Bedeutung der Umsiedlung der deutschen Minderheiten aus den genannten Staaten. Ihre Besitzungen, Unternehmungen, Bankkonti usw. stellen den gegenwert für Devisen dar, mit denen Deutschland die Warenbezüge aus diesen Ländern wird bezahlen können. Das Vermögen der deutschen Minderheiten in den Südost-Staaten ist auf mehrere Milliarden RM geschätzt. Deutschland wird sich also für längere Zeit den bezug von Lebensmitteln und Rohstoffen sichern. Die genannten Staaten sind nicht in der Lage, das Vermögen der Minderheiten in bar d.h. in Devisen abzulösen. Sie werden also gerne auf die erwähnte Art der Abrechnung eingehen. Was die Deutschen betrifft, die umgesiedelt werden, so wird ihre Existenz in jeder Hinsicht gesichert. Sie werden von Deutschland vollen Ersatz erhalten in der Weise, dass man ihnen gleichwertige Anwesen in gebieten zuweisen wird, die ihrer bisherigen Lebensführung am ehesten entsprechen. Die bauern werden grösstenteils in Westpolen angesiedelt, wo auch die Gewerbetreibenden in vollem Masse auf ihre Rechnung kommen werden. Auch Kaufleute und Fabrikanten brauchen keinen Schaden zu befürchten, denn sie werden das weite Arbeitsgebiet übernehmen, das bisher grösstenteils in den Händen von Juden war. Die deutschen, die umgesiedelt werden, müssen sich dessen bewusst sein, dass die Umsiedlung im INteresse Deutschlands und unter der Leitung des Führers erfolgt, der gut weiss, was er macht. Deshalb ist die deutsche Regierung überzeugt, dass die Angehörigen der deutschen Minderheiten in den genannten Staaten ihrer Einladung ohne Zögern Folge leisten werden. In betracht kommen 750.000 Deutsche aus Rumänien, 600.000 Deutsche aus Jugoslawien und 480.000 Deutsche aus Ungarn. Es besteht kein Zweifel, dass die deutschen Minderheiten auch jetzt ihre nationale Pflicht erfüllen und dieses Opfer bringen werden, für das sie sich reich belohnt sehen werden."

        Dieser Bericht ist geradezu erschütternd. Er zeigt, dass Hitler die deutschen Volksgruppen des Ostens wie das liebe Vieh behandelte und sie ohne gefühlsmässige Hemmungen einfach als Ware gegen "Devisen" eintauschte. Dass sich gegen diese Vergewaltigung alles in uns sträubte, muss nicht erst gesagt werden. Heute erst sehen wir, wie fluchbeladen gerade diese Aktion Hitlers war.
        Gleichzeitig mit der Einleitung der "Umsiedlung"2 begann die gewaltsame "Gleichschaltung" /auch ein terminus technicus jener Zeit!/ der nicht umgesiedelten deutschen Volksgruppen in Rumänien, Jugoslawien, Ungarn und der Slowakei. Die früheren politischen Führer wurden entfernt und durch radikale, junge SS-Leute unter 30 Jahren a la Andreas Schmidt ersetzt. Im Jahre 1940 wurden erst in der Slowakei und dann in Rumänien+ besondere Gesetze geschaffen, durch die die Volksgruppe zur juristischen Person öffentlichen Rechtes erklärt wurde. Innerhalb dieser Volksgruppe aber wurde das Recht zur politischen Betätigung lediglich den Mitgliedern der NSDAP, also der Nationalsozialistischen Partei zuerkannt, die in Art. 3 des rumänischen Gesetzes vom 21. November 1940 ausdrücklich als "Träger des nationalen Willens" bezeichnet wurde. Die grosse Mehrheit der Mitglieder der Volksgruppe war damit zur misera contribuens plebs herabgewürdigt, die nur noch zu gehorchen



+ Dekretgesetz Nr. 830 vom 21. November 1940. [Roths Anmerkung]

hatte. Auf diese Art war der 29-jährige SS-Mann Andreas Schmidt mit Antonescu's Hilfe zum Herrn über Tod und Leben der Mitglieder der Deutschen Volksgruppe in Rumänien gemacht. Es sei hier noch besonders darauf verweisen, dass die Angehörigen der deutschen Minderheit im Sinn des Gesetzes vom 21. November 1940 ohne ihr Befragen von amtswegen in die Mitgliederliste der Volksgruppe eingetragen wurden und dass dem "Volksgruppenführer" durch Art.4 des Gesetzes das Recht zuerkannt wurde, "zur Aufrechterhaltung und Konsolidierung des nationalen lebens der deutschen Volksgruppe in Rumänien" Verfügungen zu treffen, die für alle Mitglieder verpflichtend waren /"Grupul Etnic German din Romania poate lua, pentru mentinerea si consolidarea vietii nationale, dispozitiuni cu caracter de obligativitate pentru membrii lui"/. Erst, wenn man sich die ungeheuere Bedeutung dieser Bestimmungen vor Augen hält, wird einem völlig klar, in welch Situation der Rechtlosigkeit die Deutschen Rumäniens durch das Gesetz vom 21. November 1940 versetzt worden waren. Antonescu lieh den Wünschen Himmler's in allem Gehör und wurde dadurch politisch und rechtlich auch der eigentliche Verantwortliche für die weitere Entwicklung innerhalb der deutschen Volksgruppe in Rumänien. Angesichts dieser Lage der Dinge war es auch nicht weiter verwunderlich, dass Antonescu dem Wunsche des Reiches, die Jugend der deutschen Minderheit Rumäniens in die deutsche Waffen SS einzureihen, im Jahre 1943 gerne nachgab und dass die Verabschiedung der nach Deutschland abziehenden jungen Leute überall von Lobreden rumänischer Offiziere und Generäle begleitet wurde. Wer sich dieser "freiwilligen Rekrutierung" widersetzte, wurde als Feigling und Drückeberger der öffentlichen Verachtung preisgegeben. So geschah es mit meinem eigenen Sohn, der sich weigerte, in die Deutsche Waffen-SS einzutreten und den Andreas Schmidt dann höchst persönlich und vor aller Öffentlichkeit exkommunizierte! Es soll in diesem Zusammenhang noch darauf verwiesen werden, dass Antonescu noch vor den Andreas Schmidt'schen Aushebungen eine ansehnliche Zahl rumänischer junger Leute für die deutsche Wehrmacht warb und dass im jugoslawischen Banat innerhalb der dortigen rumänischen Volksgruppe eigene militärische Verbände für Deutschland aufgestellt wurden.

        Ich selbst stand der Gründung des "Verbandes der Deutschen Volksgruppen in Europa" zunächst skeptisch gegenüber und nahm an seinen tagungen etliche Jahre hindurch nicht teil. Alldeutsche Gedankengänge waren mir von jeher fremd, das Schwärmerische und rein ideologische in der Politik lehnte ich ab. Als Spross einer deutschen Volksgruppe, die ihren Bestand durch seit Jahrhunderte ohne jeden Zusammenhang mit Deutschland und lediglich auf die eigenen Kraft gestellt zu verteidigen hatte, war mir von Anfang an klar, dass eine gedeihliche Politik für uns nur im direkten Benehmen mit den gemeinsam mit uns siedelnden Völkern, den Rumänen und Magyaren möglich ist. Ohne positive Beziehung zum Staat, dem wir angehören, wäre unser Dasein fragwürdig und unsere Politik ein reines Abenteuer. So wie unsere Väter wollte auch ich mit beiden Füssen auf dem Boden der Tatsachen stehen und lehnte darum Phantasien im luftleeren Raum ab. Sowohl Rumänen als auch Magyaren hatten den Siebenbürger Sachsen das Epitethon "prudentes et circumspecti" gegeben. Ich nahm diese Bewertung unserer politischen Haltung als Ehrentitel und bemühte mich, dieser hervorragenden Tradition unserer Vorfahren in allem treu zu bleiben. Erst als sich auf den Tagungen des "Verbandes der deutschen Volksgruppen in Europa" wie auch auf denjenigen des "Europäischen Nationalitätenkongresses" Konturen einer aufbauenden und friedliebenden Europapolitik zeigten, gab ich meine Reserve auf und trat in den Kreis der werktätigsten Förderer dieser neuen zwischenstaatlichen Politik. Staatstreue und Volkstreue sollten gleichermassen das Fundament unserer Tätigkeit bilden. Krieg und Eroberung schien uns das verfehlteste Mittel zur Lösung der europäischen Frage zu sein. So wurde die Sicherung des friedens durch gütliche Lösung der Minderheitenfrage von Volk zu Volk und von Staat zu Staat immer mehr Alpha und Omega unserer Bestrebungen. Es sollten den Minderheiten überall gewisse Grundrechte zugesichert werden, gleichzeitig aber sollte ihnen Loyalität gegenüber ihren Heimatstaaten zur absoluten Pflicht gemacht werden. Als die Grossmächte im sogenannten Kellogpakt die Ächtung des Krieges proklamierten, stimmten die europäischen Minderheiten lebhaft zu, erklärten jedoch, dass es nicht genüge, den Krieg zu ächten, sondern dass es noch wichtiger sei, die Ursachen des Krieges zu bannen. Zu diesen Ursachen des Krieges gehörte nach unserer Meinung vor allem das schwelende Problem der Minderheiten in Europa, die immerhin 44 Millionen Menschen ausmachten und von den streitenden Mächten immer wieder als Spielball der grossen Politik verwendet wurden. Die Politik des "Verbandes der deutschen Volksgruppen in Europa" war friedlich und konstruktiv und entbehrte jeder imperialistischen tendenz. Leider fand sie mit der "Machtergreifung" Hitler's ein jähes Ende. An ihre Stelle trat die "Grossraumpolitik" der Nazis, womit auch in der Politik der deutschen Minderheiten ein neuer Entwicklungsabschnitt begann.
        In den Jahren 1926-1934 habe ich an den Arbeiten der beiden Verbände vielfach Anteil gehabt, in den jahren 1931-1934 war ich sogar Vorsitzender des "Verbandes der deutschen Volksgruppen in Europa". Auf den Tagungen des "Europäischen Nationalitätenkongresses" in Wien und Bern habe ich in den jahren 1931-1934 gerade über die grundlegenden Fragen unserer Beziehungen zu den heimatstaaten und zur Frage der Lösung der Völkerkonflikte in Europa grundlegende Referate gehalten. Ich vertrat dabei die Meinung, dass noch so kluge Grenzziehungen zwischen den Staaten niemals eine wirkliche Lösung der Minderheitenfrage herbeiführen könnten. Immer wieder würden grosse Reste der Völker ausserhalb ihrer Nationalstaaten bleiben. Darum gebe es auch nur eine zufriedenstellende Lösung für die Minderheiten und für die Erhaltung des Friedens in Europa: die Verständigung von Volk zu Volk und von Staat zu Staat.
        Wir hatten - wenn man so will - unser herz gewissermassen zwischen Vaterland und Mutterland geteilt. Einerseits stand also unsere Heimatliebe und die Pflichterfüllung als rumänische Staatsbürger, andererseits die Hinneigung zu der Kultur des deutschen Volkes. Politische Gestalt haben die Beziehungen zu Deutschland und den übrigen deutschen Minderheiten in bescheidener Form erst nach dem ersten Weltkrieg angenommen, sie blieben aber auch weiterhin gebannt in den strengen Dualismus von Staatstreue und Volkstreue. Entgegen der bewährten Tradition einer jahrhundertealten Geschichte änderte sich diese Einstellung jedoch mit Einbruch des Nationalsozialismus. Wie heute zweifelsfrei festgestellt werden kann, handelt es sich dabei aber nicht um eine organische Entwicklung von innen heraus, sondern um eine Überflutung von aussen, um eine Vernebelung der Geister durch fremde Mächte, deren dämonischer Charakter nunmehr allgemein bekannt ist. Es wäre geschichtlich verfehlt, diese Entwicklung zum deutschen Imperialismus auch nur um einen Tag in die Zeit vor der Machtergreifung Hitler's am 30. Januar 1933 vorverlegen zu wollen.

        Zur Veranschaulichung des Gesagten und zur Verdeutlichung meines Kampfes gegen den nazismus lege ich dieser Aufzeichnung eine Reihe von Dokumenten bei aus der Zeit von 1931 bis 1945. Darunter finden sich auch Aufzeichnungen über meine Vorsprache bei Adolf Hitler in der Judenfrage aus dem Juli 19336 .

        Als sich die Politik Hitler's gegenüber den Juden sowie gegenüber den beiden christlichen Kirchen und gegenüber Österreich auch nach dem Nationalitätenkongress vom Jahre 1933 nicht änderte, legte ich den Vorsitz im Verband der Deutschen Volksgruppen in Europa nach einer gewissen Zeit des Zuwartens nieder. Mein Nachfolger im Vorsitz des verbandes wurde der Führer der sudetendeutschen Nationalsozialisten, Konrad Henlein. Der europäische Nationalitätenkongress trat nur noch einmal zusammen, um dann endgültig in der Versenkung zu verschwinden. Dämonische Kräfte bemächtigten sich des deutschen Volkes und führten in letzter Folge zu Krieg und Katastrophe. Das Gedankengut der einstigen deutschen Minderheitenpolitik aber ist von all dem unberührt geblieben. Es hat in meiner Intervention bei Hitler und in meinen Erklärungen auf dem XI. Nationalitätenkongress in Bern vielleicht zum letztenmal öffentlich Ausdruck gefunden. Gewiss, die Aktion der deutschen Minderheiten im Jahre 1933 hatte nur noch akademischen Wert. Sie stellt aber den geschichtlichen Beweis dafür dar, dass die deutsche Minderheitenpolitik den sittlichen Grundsatz der Gleichberechtigung der Völker und Rassen bis zuletzt verteidigt hat.
 

            5. März 1948

Eine Beilage



 6 Diese Aufzeichnung ist uns nur in rumänischer Übersetzung bekannt.


Datei: .../roth2.htm      Erstellt: 25. August 1999          Verändert: 03.12.2003                     Autor: Klaus Popa