Akademischer Rechtsextremismus im zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts

Ein Textbeispiel



Im Nachlass des siebenbuergisch-saechsischen Gelehrten Karl Kurt Klein, der im Nationalrachiv, Abteilung Klausenburg aufbewahrt wird, ist auch folgender Text ueberliefert, der von Johann Wilhelm Mannhardt, dem langjaehrigen Leiter der "Deutschen Burse" in Marburg an der Lahn stammt und nach dem Wunsch des Verfassers unter Vermittlung von Klein in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" in der Woche vom 24. zum 30. November 1929 erscheinen sollte. Nachdem das Original vorliegt, ist davon auszugehen, dass Klein es vorzog, den Text an die genannte Zeitung, wo sein Bruder Fritz Klein Chefredakteur war, nicht weiter zu leiten.

Aus dem 8-seitigen Aufsatztext:

        „So konnte es geschehen, dass auf die groesste militaerische und moralische Leistung, die wohl je ein Volk in der Weltgeschichte vollbracht hat, der ebenso grosse moralische Zusammenbruch eines Volkes folgte, [...]. Wir haben vor dem Krieg unser Reich nicht angebetet sondern geliebt, [...]. Wir haben es geliebt mit der ganzen Liebe unserer jungen Jahre ohne jedes Wenn und Aber, wie es echte Liebe tut. [...] Aber wir sahen doch mit grosser Sorge, wie immer weitere Kreise unseres Volkes anfingen, diese Liebe nicht mehr zu teilen, und wir waren uns klar darueber, dass dieser Zustand, wenn er nicht rechtzeitig koennte beseitigt werden, ernste politische Folgen haben muesste. Da lag allerdings eine Aufgabe, die man nicht einfach dem Staate zuschieben konnte, sondern die von jedem Einzelnen zusammen mit der Gesamtheit zu loesen war. Wir waren ferner, ohne es eigentlich zu wissen und zu wollen, dank der Arbeitsamkeit der Heimat und der Umsicht der Auslanddeutschen ein Weltvolk geworden. [...] / (2) Unser war der Kriegsdienst gewesen. [...] Wir gingen in uns, nachdem uns das Schicksal zur Besinnlichkeit gerufen hatte. [...] Über zehn Jahre dauert unsere Lehrstunde darueber schon an, was im Kampf um Volk und Staat zeitverknuepft und was dauernd wirkend ist. Am Ende der Lehrstunde duerfen aber nicht selbstbefriedigte Weisheit, Anweisungen zum seligen Leben oder theoretische Betrachtungen, sondern muessen Taten stehen. Heute sind wir nicht nur reif genug, Verantwortung im Staat auf uns zu nehmen, sondern nach dem natuerlichen Lauf der Dinge ist unsere Zeit gekommen, waehrend die der Vorkriegsmenschen anfaengt abzulaufen.

         Wir konnten nach der Betaeubung seit dem Herbst 1918 unser Pferd noch herumreissen und mit den im Kriege klar gewordenen Augen zwischen dem ebenfalls historisch begreiflichen Romantizismus der Einen und dem Illusionismus der Andern hindurch uns auf den damals so oft geschmaehten Boden der nackten Tatsachen retten. [...] / (3)

         [...] Deshalb haben wir eine Verfassung erhalten, die soweit sie Veraenderungen gegenueber der Bismarckschen aufweist, garnicht sozialdemokratisch ist, sondern aus der guten alten Zeit von 1789 und aus Frankreich stammt, deren Ideen zwar nicht mehr lebendig und wirksam, aber ausgezeichnete Dekorationsstuecke sind, [...]. / (4)

        Die Lage wird sehr bald anders werden, wenn Amerika, dessen Baeume eben auch nicht in den Himmel wachsen, eine andere Finanzpolitik einschlagen muss und – wenn die neue Generation ans Ruder kommen wird.
 
        Zwei Lehren haben wir vornehmlich aus den Erfahrungen des Schuetzengrabens mit heimgebracht, und die Beobachtung aller andern Laender konnte sie uns nur bestaetigen: Eine Verantwortung kann immer nur bei einem einzigen Manne liegen, und: die Gleichung national=sozial muss immer aufgehen. Nach diesem Gesetz werden wir antreten.

         Unser Volk liegt unbeschadet seiner noch bestehenden technischen Faehigkeiten sittlich tief darnieder. [...] Das kommt daher, weil der unter dem Schutze des Marxismus noch einmal aufflackernde Liberalismus den Einzelnen ueber das Ganze, ueber alles gesetzt hat und ihm alles erlaubt, ausser was gegen den formalen Bestand seines Staates gerichtet ist. Das haengt mit jener Unsittlichkeit des Kompromisses zusammen, sodass auch unser katholischer Volksteil, der bisher unter den Verheerungen des schrankenlosen Liberalismus weniger zu leiden hatte, durch die vom Zentrum mit den Marxisten eingegangenen Bindungen ebenfalls staerker auf die schiefe Ebene heruntergedrueckt worden ist. Die Sittlichkeit eines Volkes haengt nun einmal mit der Weltanschauung derjenigen auf das engste zusammen, die es regiert. Wir wollen Maenner an unserer Spitze haben, die ueber den Einzelnen und ueber die Partei das Ganze stellen, die aber nicht schoene Worte darueber machen, sondern so danach leben und handeln, dass ein Geist sich dem Volke mitteilt, der das Reich wieder als das Werk aller erscheinen laesst.

         Der heutige Wohlfahrtsstaat findet sein natuerliches Ende, / (5) wenn die Mittel fuer ihn gaenzlich ausgehen. [...] Weite Kreise unseres Volkes haben durch das staatliche Versicherungswesen ihr Selbstvertrauen verloren. In den Beratungsstellen der Einwanderungslaender treffen die beiden Typen von heutigen Deutschen zusammen: Die einen haben Deutschland verlassen, weil sie nicht auf Arbeitslosenunterstuetzung angewiesen sein wollen. Das sind diejenigen, die wir in der Heimat gerade nicht entbehren koennen. Der Andern erste Frage ist, wo man hier stempeln ginge, und auf die schonende Antwort erfolgt boeses Schimpfen. Darin, Wohlfahrtsstaat sein zu wollen aber nicht zu koennen, liegt eine furchtbare Gefahr fuer unsern Staat. [...]

         Auf der andern Seite hoeren wir von der immer noch andauernden Abwanderung aus dem Osten. Jeder, der seine Scholle verlaesst, raeumt den Polen das Feld. Es wird so viel von Siedlung geschrieben und gesprochen. Wir wollen, dass weniger davon laut wird, dass aber mehr geschieht.

         Volk und Menschheit sind keine Gegensaetze. Wir wollen aber nicht, dass zu Gunsten des einen oder des andern daraus ein Gegensatz gemacht wird. [...] /(6)
 
        Wir wollen, dass unser Volk die Dinge von 1914 und 1918 mit sich ins Reine bringt. Wir wollen es nicht zulassen, dass heute die Torwaechter der Republik aus innerer Schwaeche ueber das Kaiserreich und ueber den Weltkrieg die Legende verbreiten, die von unseren damaligen Feinden als Kriegslist geschaffen wurde, um uns damit unsere innere Geschlossenheit und unsern guten Glauben zu rauben.

         Wir wollen nicht, dass in unserm Volk der Wert der Haende-Arbeit noch immer mehr sinkt, nachdem wir im Felde die schwieligen Haende unserer Kameraden lieben gelernt haben. Wir wollen nicht, dass alle uebrige Beschaeftigung, die sich in unserm Zeitalter so breit macht, als geistige Arbeit gewertet wird, die immer Not und Glueck der Wenigen sein muss. Wir sehen mit ernster Sorge die gewaltige Zunahme der Studenten und die damit einhergehende Verflachung unserer Hochschulen.1 Die Neigung der Deutschen, alles Lebendige zu vertheoretisieren, und die Halbbildung mit Berechtigungsscheinen nehmen erschreckend zu. Hand in Hand damit geht eine nicht immer unberechtigte Geringschaetzung der Studenten und Studierten auf Seiten derjenigen, die nicht dazu gehoeren. Was wird aus dem herangezuechteten geistigen Proletariat werden? Droht von hier aus nicht eine wirkliche Revolutionsgefahr? Auch hier handelt es sich um Verhaeltnisse, die nicht so sein muessen, wie sie sind.

         [...] Wir wollen ein Reich, das von den Gutwilligen aller Kreise getragen wird, mit einer Regierung, die das moralische Recht hat, die Boeswilligen zu / (7)
zwingen oder auszuschalten. Es gibt keine Kreise, in denen Mehrheiten wirklich boesen Willens sind, wenn das Ganze in guten Haenden liegt.

         Wir konnten nur an einigen markanten Erscheinungen unseres politischen Lebens aufzeigen, wie wir dazu stehen. Verantwortlich machen wir, die wir keine „Buergerlichen“ sind, dafuer den Marxismus als Weltanschauung und deshalb als politische Anschauung und den ihm merkwuerdigerweise an den Fersen klebenden Liberalismus. Wir brauchen den Liberalismus nicht mehr zu bekaempfen. Denn seiner Totengraeber sind genug. Auch der Marxismus hat sich in der Praxis als das erwiesen, was er ist: als Utopie auf idealistischer Grundlage. Aber der Glaube an ihn ist noch stark und maechtig in unserm Volke. Solange er anhaelt, sind wir noch nicht auf der Sohle des dunklen Tales angelangt. Einen Glauben schlaegt man aber weder mit Keulen tot noch disputiert man ihn weg. Man bekaempft ihn, wenn er falsch ist, mit einem besseren Glauben und durch das Beispiel, das aus diesem Glauben lebt.

        [...] Wir setzen dem Marxismus unseren Glauben entgegen, dass unsere im Felde gebliebenen Kameraden doch recht behalten, wenn sie sich fuer ein Deutschland einsetzten, in dem es zwar selbstverstaendlich Führer und Gefolgsleute, Arbeitgeber und Arbeitnehmer gaebe, aber keinen Herren und Knechte, keine besseren und geringeren Leute, keine Sektsaeufer und Schwarzbrotkauer.

         Wir bekaempfen den Marxismus, indem wir seine Leute voll gewaehren lassen, indem wir ihnen allein die volle Verantwortung fuer die gegen- / (8) waertige Politik zuschieben und jeden Kompromiss ablehnen. Jeder Blick ueber unsern Staat in die Welt hinaus zeigt uns, dass die Stunde kommt, in der der Marxismus nicht mehr weiter kann. In derselben Stunde wird der Glaube an ihn bei der deutschen Arbeiterschaft gebrochen sein. Das ist die Stunde, für die wir unsere Aktivitaet bereit halten muessen. Wenn wir selbst nicht mehr unter der Sonne weilen sollten, werden unsere Juenger und Schueler ihr Werk kennen.2

                                                                                                                            Schuetzengrabenmenschen"



1. Einer der zahlreichen politischen Mythen jener Zeit. Vgl. Helmut Heiber, Universitaet unterm Hakenkreuz. Teil 1, Der Professor im Dritten Reich, Muenchen London New York Paris 1991, S. 46-47: 1932 gab es 92600 Universitaetsstudenten. Das waren 52,7% mehr als die 60200 von 1914. Heiber meint dazu: "Das sind Pegelstaende, die heute geradezu laecherlich anmuten. Die Studentenhoechstzahl des Deutschen Reiches von 1931 [nahezu 104000] finden heute allein die Muenchner Hochschulen in ihren Hoersaelen vor. Oder: Die Universitaet Muenchen von heute hat - bei annaehernd gleicher Reichs- und Bundesbevoelkerung - an Studenten mehr als die Haelfte der Gesamtzahl aller 23 Universitaeten des Deutschen Reiches von 1931 (und fast genaosoviel, wie diese 23 Universitaeten 1926 hatten). Es ist daher heute bei (1985/86) 1340000 Studenten (mehr als jeder 50. Bundesdeutsche ein Student!) nur mit Muehe und unter Beruecksichtigung  zahlreicher Momente moeglich zu begreifen, wei seinerzeit jene Entwicklung, jene Zahl von 1931, auf dem Hoehepunkt, an saemtlichen Hochschulen eingeschriebenen 138000 Studenten, als so ueberaus bedrohlich empfunden werden konnte."

2. Damit ist der Geist benannt, in dem die "Deutsche Burse" in Marburg an der Lahn ihre Bursenschaftler unterwies, darunter auch zahlreiche Rumaeniendeutsche, die spaeter zu fanatischen Nationalsozialisten mutierten, wie Fritz Benesch, dem das Landeskonsistorium der ev. Landeskirche A.B. in Grossrumaenien die Taetigkeit als Pfarrer in Birk in Nordsiebenbuergen 1936 verbot.


Kritische Blaetter zur Geschichtsforschung und Ideologie


Datei: Rechtsextremismus.html            Erstellt: 31.07.2003                            Autor und ©  : Klaus Popa