Das "filmische" Spiel mit der gesellschaftlichen Verantwortung

Zu Günter Czernetzkys Fernsehfilm „Deutsche im Gulag“



Nachfolgend nur Auszuege aus einer umfassenderen Stellungnahme

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Wer in diesem Streifen die Beruecksichtigung der grundlegenden Journalisten-Pflichten, vor allem der gesellschaftlichen Verantwortung, als erfuellt betrachtet, den werden diese Zeilen eines besseren belehren.

Wenn von der Glaubwuerdigkeit der Aussagen des ehemaligen NS-Spitzenfunktionaers der SS-dominierten „Deutschen Volksgruppe in Rumaenien“ Fritz Cloos ausgegangen wird, der nach dem "Volksgruppenfuehrer" Andreas Schmidt als Chef der DAR (Deutschen Arbeiterschaft in Rumaenien) praktisch die dritte Position in der Fuehrungsriege jenes tristen Regiments inne hatte, so ist damit der wunde Punkt dieses „Dokumentarfilms“ benannt. Denn die Glaubwuerdigkeit ist in diesem Film ganz aussen geblieben, weil hier:

a) ein besonderer Mechanismus der Glaubwuerdigkeit am Werk ist;

b) selbst die uerspruenglich gedachten Abnehmer (oeffentlich-rechtliche Fernseh-Kanaele) die Frage der Glaubwuerdigkeit anscheinend ueberhaupt nicht stellen.

Zu a) [damit benennen wir auch das „Unwesen“ von „oral history“, wenn diese missbraeuchlich in ihr Gegenteil umgekrempelt wird]

Eine Glaubwuerdigkeit besonderer Art – also nicht eine tatsaechliche, auf objektiven Tatsachen beruhende, eigentliche Glaubwuerdigkeit - ist sowieso vorhanden, weil von der Zielgruppe der Einzelveranstaltungen des Oral-History-Projektes von Czernetzky nicht erwartet wird, an der eigentlichen, objektiv-begruendeten Glaubwuerdigkeit intweressiert zu sein, sondern an der ressentimentkulturellen, „besonderen Art“ von Glaubwuerdigkeit, die nur im selbstreferentiellen, also hermetisch nach aussen abgeschotteten Kreis einer erfundenen Gruppenidentitaet der Rumaeniendeutschen, zumal der Siebenbuerger Sachsen, funktioniert. Dem Filmemacher kann es deshalb nicht gelegen sein, die tatsaechlich-objektive Glaubwuerdigkeit zu kultivieren, sondern ausschliesslich der subjektiv-irrationalen, von den buntesten Gefuehlen und Befindlichkeiten erfuellten Glaubwuerdigkeit entgegen zu arbeiten. D.h. der Filmemacher Czernetzky gehorcht dem auf den privaten TV-Sendern gelaeufigen Gesetz, dass die Sendungen den Erwartungen des Massenpublikums unbedingt entsprechen muessen, um die heiss erstrebten und begehrten Einschaltquoten, also auch Werbeeinnahmen, zu garantieren. Es wird also ueberhaupt nicht problematisiert, es wird nicht hinterfragt, das, was die „Zeitzeugen“ von sich geben, wird als bare Muenze filmisch aufgenommen und vom identitaetsgeplagten Kreis des resentimentkulturell bestimmten Publikum rezipiert.

Die besondere, subjektiv-irrationale Wahrhaftigkeit beruht ja auf dem totalen gefuehlsmaessigen und geistigen Konsens zwischen gefilmter Zeitzeugenaussage, filmisch eingesetzten Mitteln und dem Publikum. Einfacher ausgedrueckt: - und darauf habe ich bereits auf

Vergangenheitsbewaeltigung 2


Vergangenheitsbewaeltigung 3


im Zusammenhang mit der Faelscherwerkstatt, die sich „Siebenbuergen-Institut“ in Gundelsheim/Neckar nennt, in Belangen der siebenbuergisch-saechsischen NS-Realitaeten hingewiesen – wird dem Publikum das „Lieblingsfressen“ vorgesetzt. Diesen blendenden Konsens als Gewaehr der Wahrhaftigkeit, vor allem der „Zeitzeugen“ und deren Aussagen, aber auch der anderen beiden Elemente (filmische Mittel und Publikumserwartung), also als Bestaetigung aller Partizipanten aufzufassen, macht die Sache viel zu einfach. Weil das ganze Spektakel zu einer Riesengaukelschau verkommt, weil:

- Die ueberhaupt nicht in Zweifel gezogene, deshalb auch nicht expressis verbis erwaehnte Glaubwuerdigkeit in subjektiv-irrationaler Illusionistik unangefochten und erhalten bleibt;

- dieser subjektiv-irrationale Glaubwuerdigkeits-Konsens das nachmalige Identifikationsbeduerfnis des Publikums herausfordert, indem es sich in seinen fragwuerdigen resentimentkulturellen Erwartungen bestaetigt sieht und fuehlt.

- die Manipulation der Gemueter und Geister perfekt ist, wobei

- die eigenen Vorstellungen ueber stammlich-„volksdeutsche“ bzw. „deutsche“ Identitaet voll bestaetigt und

- die Schaffung bzw. Vertiefung dieser nationalen Identitaet beim juengeren Publikum erzielt wird, indem die bestehenden Identitaetsgefuehle gefestigt oder eine

IDENTITAETSSTIFTUNG

auf der zweifelhaften Grundlage der subjektiv-irrationalen „Wahrhaftigkeit“ mit eindeutig manipulierten Mitteln erzeugt wird.

Der Manipulations-Hintergrund des ganzen „oral-history“-Verfahrens erreicht in der durch den Filmemacher Czernetzky getroffenen Auswahl der interviewten „Zeitzeugen“ darin ihren grotesken und beschaemenden Hoehepunkt, dass:

a) NS-Taetern wie Fritz Cloos die Moeglichkeit gegeben wird, sich mit einer Heroen-, Maertyrer- und Opferaura als vermeintliche Widerstandskaempfer gegen den Kommunismus zu umgeben.

b) solchen zwielichtigen Gestalten mit filmischen Mitteln die Funktion von Vorzeige- und Identifikationsfiguren, von identitaets- und sinnstiftenden Vorbildern ganz zu Unrecht uebertragen wird.

c) Auf diese Weise erfaehrt das, was diese Personen verkoerpern sollen, aber auch das bestehende, in bestimmten Kreisen verbreitete nationale und Gruppen-Selbstverstaendnis, die persoenliche und Gruppenidentitaet ihre Bestaetigung [...], worin die dunklen, die Schattenseiten dieser nun als vorbildhaft vermarkteten „Zeitzeugen“, wie der aktenmaessig bezeugte NS-Fanatismus und das penible Erfuellungsgehilfentum gegenueber dem expansionistischen Hitlerreich totgeschwiegen werden.

d) Czernetzkys filmisches Verfahren verschafft Personen wie Fritz Cloos sowie dem subjektivistisch-irrationalistisch motivierten und funktionierenden Selbstverstaendnis und der ressentinemtkulturellen Gruppenidentitaet zahlreicher Siebenbuerger Sachsen eine zweifelhafte, durch ihre personen- und ereignisgeschichtliche Falschheit skandaloese Legitimitaet.

[...] Deshalb sind entschiedene Einwände gegen die manipulative "Reinwaschung"  ehemaliger NS-Funktionaere, die Czernetzky eindeutig betreibt, solange angebracht, als Genannter Personen verherrlicht, die ueber die Geschicke ganzer „Volksgruppen“ scham- und skrupellos als Satrapen von Hitlers Gnaden schalten und walten konnten, die das von ihnen kontrollierte Volk mit den irrwitzigstenen Propagandafloskeln voll pumpten und auf den menschenverachtenden und –vernichtenden Kurs des „Grossgermanischen Reiches“ mit allen ihnen zur Verfuegung stehenden Mitteln, vor allem mit Psychoterror, zwangen.

Solche Menschenexemplare als Widerstaendler, als Helden, Maertyrer und Opfer filmisch darzustellen, verletzt und verstoesst gegen jeden Anstand, zuvorderst gegen die von Czernetzky so gross geschriebenen Hauptpflichten der Journalistenzunft:

- journalistische Sorgfaltspflicht
- historische Sorgfaltspflicht
- gesellschaftliche Verantwortung.

Czernetzkys Streifen beruehrt einen weiteren Aspekt, naemlich das Selbstverstaendnis des Deutschseins, das durch die filmische Apologetik um den NS-Taeter Fritz Cloos ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wird. Der Filmemacher und sein Streifen suggerieren naemlich, Fritz Cloos staende auch als Gewaehr fuer ein gesundes, unbelastetes, verdienstvolles, von Widerstandswillen gegen den Totalitarismus beseelten Deutschseins und Deutschtums, was nichts weiter, als die reinste Mystifizierung und konkret die vorsaetzliche Irrefuehrung der Zuschauer ist. Auch diese Pervertierung des Fernesh-"Journalismus" steht in keinem vernuenftigen, zeitgemaessen und wahrheitsgetreuen Verhaeltnis zu journalistischer Sorgfaltspflicht, zu historischer Sorgfaltspflicht und am wenigsten zu gesellschaftlicher Verantwortung, [...].

Die von Czernetzky eingesetzten filmischen Mittel tragen folglich zur Weiterfuehrung und Festigung eines durch die siebenbuergisch-saechsische "Elite" mit der groessten Sorgfalt jahrzehntelang gehegten und gepflegten schizoid - skizophrenen, narzisstischen Identitaetsglaubens bei, der sich vor allem auf die jugendlichen Zuschauer verheerend auswirkt. Diese werden naemlich dazu angestiftet, sich mit dem mit Czernetzkys propagandistischer Hilfe zum Widerstands- und Freiheitskaempfer gemauserten „Helden“ Fritz Cloos und mit dessen „vorbildhaft“ vorgelebten tugendhaften Deutschtum zu identifizieren und sich dabei in dem von Haus aus mitbekommenen "elitaeren" Identitaetsbegriff von "Volksdeutschen" bestaetigt zu fuehlen. Oder: die Jugendlichen werden aus genanntem Identifikationspaket heraus dieses kuenstlich erzeugte, falsche Identitaetsverstaendnis und Selbstverstaendnis entweder vertiefen oder aufgreifen und sich zu eigen machen und fortan in quasi religioeser Weise anbeten.

[...] Dieser so von Czernetzky mit filmischen Mitteln propagandistisch inszenierte und z.T. aufgezwungene Identitaetsglaube greift auf ein breit gefaechertes Instrumentarium ressentimentkultureller Inhalte und Wertvorstellungen zurueck, naemlich auf das dem geistigen und ideologischen Befinden des „grossdeutschen Volkes“ der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts eigene Identitaetsverstaendnis. Wegen seiner Rueckwaertsgewandtheit und Ressentimentbefrachtung ist dieser anachronistische Glaube in keiner Weise dazu angebracht, seinen Anhaengern die Werte und Wertvorstellungen  des freiheitlich-demokratisch verfassten Lebens in der BRD schmackhaft zu machen. Im Gegenteil, damit wird diesen Menschen die Identifizierung mit dem rechtsextremistischen Gedankengut unserer Tage sogar schmackhaft gemacht. Da hat der Filmemacher Czernetzky ein recht kurioses Verstaendnis von der "gesellschaftlichen Verantwortung" des Filmjournalisten! [...]

Ein sich filmischer oder sonstiger Ausdrucksmittel bedienender Journalismus, der sich in den Dienst der Verdraengung, der Verharmlosung, selbst der Geschichtsrevision und Faelschung eindeutig belegter NS-Taeterschaft stellt, ein Journalismus, dessen sichtbares Ziel nicht die Integrierung der NS-Vergangenheit in das Selbstverstaendnis und ins Identitaetsbewusstsein von Angehoerigen ehemaliger „Volksgruppen“ und deren Nachkommen ist, ein Journalismus, der sich statt dessen durchgehend bemueht, die unruehmliche NS-Vergangenheit und NS-Taeterschaft vom Gruppenbewusstsein durch krasse manipulative Verfaelschung fernzuhalten, der stellt sich eindeutig ins Abseits gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit.


Ueber Cloos:
Die totgeschwiegene Dimension: Fritz Cloos

Ein lernbereiter Hans Bergel ?

Das gefaehrliche Spiel mit den Totalitarismen

BERGELS "DICHTUNG und WAHRHEIT" LAESST SELBST GOETHE ERBLASSEN


Kritische Blaetter zur Geschichtsforschung und Ideologie



Datei: Oralhistory.html                Verfasst:: 12.11.2001      Erstellt: 05.06.2004          Geaendert: 30.04.2006 Autor und © Klaus Popa