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Die Siebenbürger Sachsen und die Vergangenheitsbewältigung

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Diese Seite entstand 1996 und wurde bis Ende 1998 aktualisiert, als
 

KRITISCHE BLAETTER ZUR GESCHICHTSFORSCHUNG UND IDEOLOGIE

entstand. Seither fuehren die "Kritischen Blaetter..." die Diskussion weiter. Fuer die neuesten Beitraege bitte ich diese Dachseite auszuwaehlen.

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DAS AKTUELLE THEMA

E-Mail: KLAUS POPA

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GUESTBOOK KLAUS POPA


Nazism and Scrupulousness
The true Face of the SS
The true Face of Nazism

 © Klaus Popa 1998
Der Nationalsozialismus und die GEWISSENSLOSIGKEIT

  Die Grundpfeiler des Nationalsozialismus, nämlich

    - deutschzentrierter Kollektivismus,
    - Rassismus,
    - das Führerprinzip,
    - der Kampfgeist (manifest in politischem Militantismus, allgemeinem Hyperaktivismus und Militarismus),

tragen sämtlich zum Zustandekommen der Gewissenslosigkeit bei. Der Deutschzentrismus ist indessen hauptsächlich daran beteiligt, weil er als zentrales Dogma des Nationalsozialismus an die Stelle des christlichen Weltbildes mit seiner Philosophie der Schuld und Sühne und des christlichen Gewissens trat. Indem der Deutschzentrismus ausschließlich dem deutschen Volk, d.h. dem deutschsprachigen Menschenkollektiv galt, hatten der christliche Universalismus, Integrationismus und Humanismus, also auch die  Menschen- und Nächstenliebe als hauptsächliche Äußerungsformen des christlichen Gewissens, ausgedient. An ihre Stelle trat die Liebe und Achtung für den deutschen Menschen und für das deutsche Volk. Das sind Bewußtseins-, nicht Gewissensäußerungen, do daß die  Ablösung des Gewissens durch das deutsch-völkische Bewußtsein als typisches Merkmal der nationalsozialistischen Ideologie aufscheint.

        Das Bewußtsein, deutsch zu sein, ging mit einem  Überlegen- heitsgefühl einher, woraus sich die prinzipielle Abdrängung anderer, nichtdeutscher Menschen in die Minder- und Unwertheit (letzteres bei Juden, Sinti und Roma), also segregationistisch- rassistische Einstellungen und Handlungsmuster einstellten. Der einzelne Deutsche verantwortete ausschließlich für seine (deutschen) Volksgenossen und seine (deutsche) Volksgemeinschaft, aber mit Einschränkungen. So war der deutsche Volksgenosse nicht verpflichtet, für Christenmenschen  Verantwortung zu übernehmen, weil das christliche Verantwortungsgefühl als undeutsch verpönt war.

        Die paroxystische Abkapselung auf deutsch-nationaler Grundlage trieb auch im Sittlichkeitsempfinden ihre Blüten. Ein siebenbürgisches Beispiel bietet das im Jahre 1941 zwischen der evangelischen Landeskirche und der Deutschen Volksgruppe in Rumänien abgeschlossene "Gesamtabkommen", wo es unter I,1 heißt, daß die Kirche nur  Tätigkeiten entfalten darf, die "gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse", will heißen, gegen das 'deutsche Sittlichkeitsgefühl' nicht verstoßen.

        Auch das Rechtsempfinden blieb nicht verschont. Der am 18. Januar 1937 vor dem Bezirksdisziplinargericht des Burzenlandes erschienene Pfarrer Wilhelm Staedel bringt in seiner Verteidi- gungsrede das "unmittelbare", "deutsche Rechtsempfinden" seiner politischen Gruppe gegen das "formale Recht" und die "bürgerliche Rechtssprechung" zur Geltung.

        Zu dem vom Führerprinzip dominierten Bewußtseinskomplex zählt die Treue, der Gehorsam, das Pflichtbewußtsein, der Ordnungsgeist, die Arbeitsamkeit und das Kämpfertum. Diese Tugenden mißbrauchte der Nationalsozialismus zu gewissenslosen Zwecken, denen sich die strammen Parteisoldaten willfährig zur Verfügung stellten. Diese Willfährigkeit konnte nur funktionieren, weil die nationalsozialistische Gewissenslosigkeit sich im Empfinden, in der Wahrnehmung und im Gefühl des einzelnen Deutschen und des deutschen Volkes eingenistet hatte.
 

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© Klaus Popa 1998
 
 

Was bei der Fortführung der begonnenen, aber jäh abgebrochenen Diskussion zur Vergangenheitsbewältigung  beachtet werden sollte


 


        Da eine richtige Diskussion bisher aussteht1,  soll aus der Heftigkeit des Für und Wider in Verbindung mit Daniel Goldhagens Buch, das der Band Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit. Der Streit um Daniel J. Goldhagen, Frankfurt a.M. 1998 dokumentiert, mancher Diskussionspunkt in die siebenbürgisch- sächsische bzw. rumäniendeutsche Debatte aufgenommen werden.



 1. Vgl. unsere Stellungnahme zu "Negativkritik aus linksintellektueller Ecke"


        Wir weisen zunächst auf Textstellen hin, die teilweise sofort oder in den nachfolgenden Abschnitten kommentiert werden. Die Zahlen in Klammern entsprechen den jeweiligen Seitenzahlen.
 


I.


 


1) Von einem Überdruß an der "Vergangenheitsbewältigung" bei den Siebenbürger Sachsen kann nicht die Rede sein, weil die Bewältigung noch nicht richtig in Gang gekommen ist.

2) Wir sollen nicht ins Goldhagen-Extrem verfallen, einfache, schlüssige Antworten zu geben.

3) Die wissenschaftliche Unterscheidungsfähigkeit ist dabei zu wahren (S.86)2 .



 2. Vgl. Abschnitt V.


4) Die Gefahr der Entpersonalisierung ist zu vermeiden. Es muß personalisiert werden.

5) Interessant ist, daß die Beteiligung der Volksdeutschen an Einheiten der Waffen-SS als Gegenargument gegen Goldhagens These (scil. die Deutschen seien willige Vollstrecker des Völkermordes gewesen) eingesetzt wird, u.zw. können laut R.B. Birn und V. Rieß "historisch tradierte Denkmuster" "schwerlich auf Bevölkerungsgruppen übertragen werden, die seit Jahrhunderten von Deutschland getrennt lebten." (S.44)
        Die Siebenbürger Sachsen spielen hier einen klaren Ausnahmefall. Durch ihre enge kulturelle und wirtschaftliche Anbindung ans Reich, sind sie, wie  die Sudetendeutschen, die einzige Gruppe, die sich die historisch tradierten Denkmuster des Nazismus vollkommen zu eigen gemacht hat.

6) Zwar ist eine Reduktion auf den Gegensatz Deutsche/Juden in Siebenbürgen nicht gegeben, wurde aber mit der nazistischen Ideologie mitgeliefert und von den in der SS dienenden Siebenbürger Sachsen bzw. Rumäniendeutschen konkret bedient.

7) Der akademische Radikal-Antisemitismus, den die Forschung mit Schreibtisch- und effektiven Tätern in Verbindung bringt (S.102), war bei den Sbg. Sachsen auch verbreitet.

8) Es ist herauszuarbeiten, inwieweit weltanschaulicher Fanatismus (S.98) bei den Siebenbg. Sachsen gegeben war.

9) Die Täter (keine) weltanschaulichen Fanatiker (98); „Weltanschuungkrieger“ (174).

10) Täter hatten kein Unrechtsbewußtsein (150).
 
 

II. Gruppenzwang- und Solidarität


Die Forschung vertritt den Standpunkt, daß:
     11) Deutsche aus Gruppenzwang, Karrierismus und Gehorsam zu Tätern wurden (S.58).
     12) die Bevölkerungsmehrheit, die dem zustimmte, sich in irgendeiner Form beteiligte oder tatenlos wegschaute, sei es aus Überzeugung, Kalkül, Angst oder Gleichgültigkeit (S.261).
     13) Die Kollektivschuldthese hat die Schuld des Volks- bzw. Gruppenkollektivs zum Gegenstand. Als These wird ihre Richtigkeit bezweifelt, es wird ihr der Gegenstand abgesprochen. In sbg.-sächsischem und rumäniendeutschem Kontext ist das Wirkungsfeld der Kollektivschuld dahingehend zu begrenzen, daß sie nur auf die zutrifft, die sich als "Weltanschauungskrieger" und als Täter ohne Unrechtsbewußtsein nicht nur im Umfeld kriegsrechtlicher Hoheit sondern auch im Umfeld der Zivilgesellschaft herausgestellt haben.
     14) Das Gruppenverhalten war ausschlaggebend, so auch in Siebenbürgen. Sobald das Postulat der Gleichheit von Deutschsein und Nationalsozialismus und das Gegenstück des Undeutschseins bzw. undeutscher Umtriebe im Falle der Mißbilligung des Nationalsozialismus bzw. der Gegnerschaft sich in der Richtung verfestigt hatte, daß dasselbe Gleichungspaar auch dem Sächsisch- oder Unsächsischsein untergeschoben wurde, also zum Maßstab der Volksgruppenidentität avancierte -  was voraussetzt, daß dieses Prinzip von der Mehrheit der Sbg. Sachsen bzw. Rumäniendeutschen getragen wurde (das erfolgte durch zügellose Agitation und rücksichtslose Kompromittierung der politischen Gegner (eine für rumäniendeutsche Verhältnisse unbekannte Militanz) und schließliche "Machtübernahme" durch die nazistische Volksgruppenführung im Jahr 1940) - war der Gruppenzwang in nationalsozialistischem Sinn so gewaltig geworden, daß sich ihm kaum ein 'Volksgenosse' entziehen konnte. Die es dennoch wagten, galten als Verräter. Und welcher Durchschnittssiebenbürger, Banater Schwabe oder Bukowinadeutscher nahm es gerne in Kauf, in nationalsozialistischer Manier stigmatisiert, also aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen zu werden? Kaum einer.
     15) Der von der Forschung betonte Einfluß der Propaganda und die Macht des Totalitarismus, die bei der Bewertung des deutschen Verhaltens während der NS-Zeit zu berücksichtigen sind (S.232), ist im rumäniendeutschen Kontext differenzierter zu betrachten als im binnendeutschen Umfeld. Der Einfluß der Propaganda als meinungsbildend und identitätsstiftend wurde unter 10) angesprochen. Wirksamen Totalitarismus gab es in Rumänien erst seit der Machtübernahme durch die Volksgruppe (1940), doch sie konnte ihre totalitären Ansprüche auf politischer Ebene nur zum Teil realisieren. Allerdings muß betont werden, daß die unter 10) angesprochene Pervertierung des sbg.-sächsischen bzw. rumäniendeutschen Identitätsverständnisses in nationalsozialistischem Sinn als Voraussetzung für den Durchbruch des Totalitarismus zu bewerten ist.
       16) Zu einem monolithisch geschlossenen System, das manche Forscher beim nazistischen Deutschland zu erkennen glauben (120f.), kam es in Rumänien nicht unter nazistischem, aber unter kommunistischem Vorzeichen. Hätte den einheimischen Nazis mehr Zeit zur Verfügung gestanden, hätten sie die totale Gleichschaltung, also ein monolithisch geschlossenes System errichten können.
 
 

III.
Das "Leid der anderen" wird mit dem "eigenen Leid" verglichen und ausbalanciert (S.264)


 


        Diese Verhaltensweise ist bei den Sbg. Sachsen nur nach der einen Seite, nach der der Selbstbemitleidung, erkennbar. Andererseits wirkt sich das "Opfer-Bewußtsein" (S.264) bei den Sbg. Sachsen teilweise wie bei den Binnendeutschen aus: sie meinen, auch verführt worden zu sein. Die Karte der Deportation und Vertreibung („Man“ wurde Opfer der Vertreibung (S.264)) wird hochgeschrieben, ebenso die, Opfer der „Besatzungsmacht“ (S.264) geworden zu sein. Aber totales Verschweigen des eigenen, zum Teil wie in Deutschland zur nationalen Hysterie entarteten Deutschglaubens. Hinzu gesellt sich noch die Karte der „kommunistischen Scheußlichkeiten“ und des kommunistischen Unrechts, das tatsächlich ist, aber immer wieder vorgeschoben wurde, um von den eigenen nationalsozialistischen bzw. deutschnationalen Entgleisungen der 30-er und 40-er Jahre abzuleiten bzw. diese zu verdrängen. Diese in dreifacher Richtung erfolgte und erfolgende Verdrängung der eigenen Verstrickung entspricht durchaus dem Grundsatz „Dresden gegen Auschwitz“, selbst wenn die Schuldig- und Schuldhaftigkeit in Siebenbürgen nicht die Intensität der binnendeutschen erreicht.
 
 

IV. Die Schuld


 


        Obwohl die unter 13) angesprochene sbg.-sächsische bzw. rumänien-deutsche Kollektivschuld im Gegensatz zu Binnendeutschland eigentlich nur auf eine Minderheit zutrifft, reagieren die Sbg.-Sachsen trotzdem so, als ob die Verstrickung allumfassend war. Eine Erklärung ist die nach dem Prinzip der Sippenhaft erfolgte kollektive Verurteilung, Belangung und Knechtung der Rumäniendeutschen durch das kommunistische Regime. Den Hauptgrund vermeinen wir im typischen Abwehrmechanismus zu erblicken, den auch die Binnendeutschen entwickelten, wenn sie auf ihre nazistische Vergangenheit, Verstrickung oder ihr Mitläufertum angesprochen wurden (oder werden). Dabei spielt der Versuch, die persönliche Schuld auf eine kollektive Schuld zurückzuführen, also die individuelle Verantwortung durch den Hinweis aufs Kollektiv zu anonymisieren, eine Hauptrolle. Andererseits, und diese Reaktionsweise ist bei den Siebenbg. Sachsen bei weitem die häufigste, wird die individuelle Nennung eines Schuldiggewordenen bzw. Verstrickten sowohl vom Betreffenden als auch von der Gemeinschaft umgehend als Versuch der Kollektivbezichtigung und Pauschalierung3 (also im Sinne der Sippenhaft)



3. Vgl. "Schädlich ist der selektive Rückblick". Dr. Konrad Gündisch über das siebenbürgisch-sächsische Geschichtsverständnis


empfunden. Es äußert sich also eine besondere Form des Kollektivbewußtseins bzw. der Gruppensolidarität. Doch das ist eine pervertierte Äußerungsform der Gruppensolidarität, die bei den Sbg. Sachsen und Rumäniendeutschen aus der unter Punkt 14) angesprochenen Pervertierung des sbg.-sächsischen bzw. rumäniendeutschen Identitätsverständnisses in nationalsozialistischem Sinn entspringt. Die Bezichtigung eines Gruppenmitgliedes wird als direkter Angriff auf das Gruppen- und Selbstverständnis, also auf die Gruppenidentität gedeutet und vehement zurückgewiesen. Die wenigsten sind sich bewußt, daß sie auf einem Identitätsanspruch bestehen, der nicht aus der Kulturüberlieferung der eigenen Gruppe, sondern aus dem Repertoar nazistischer, also auswärtiger, Denkmuster herrührt. Das darf als Anzeichen dafür gelten, daß die Sbg. Sachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit einen Nazifizierungsgrad (im Sinne der Durchdringung der eigenen Gruppenidentität mit dem Deutschenglauben) erreicht haben, für den sie noch heute - eher unbewußt - eintreten.
        Welche Faktoren haben diese Entwicklung bestimmt und gefördert?
Einige wurden bereits angesprochen. Doch chronologisch betrachtet machten die einheimischen Anhänger und Vertreter des deutschnationalen Gedankens den Anfang. Das waren teils Kriegsveteranen des Ersten Weltkriegs, teils junge in Deutschland Studierende, die Fühlung zum nationasozialistischen Gedankengut genommen hatten und weiterhin enge Kontakte zur binnen- deutschen Bewegung pflegten. Aus deren Reihen ging der harte Kern hervor, der die Volksgruppe aufbaute und ab 1940 leitete. Diese überzeugten Nationalsozialisten interpretierten die militärischen Erfolge der deutschen Wehrmacht als wiederholte Bestätigung dafür, daß ihre Ideologie nicht nur richtig, sondern die einzig richtige war und sie übertrugen diesen Gemütszustand auf die Gemeinschaft der Rumäniendeutschen. Trotz des ab 1942 voraussehebaren Debakels blieben sie ihrer Überzeugung treu und retteten diese Überzeugung bis in die Nachkriegszeit hinein. Ähnlich, wenn auch unbewußt, lebte der Deutschglauben bei den inzwischen dem Sowjetimperium einverleibten Rumäniendeutschen weiter und wurde u.E. unter dem Eindruck von Deportation, Enteignung und polizeilicher Gewaltanwendung wiederaktiviert, auch aus dem einfachen Grund, weil die Betroffenen die einzig gültige Erklärung für die Verfolgungsmaßnahmen und Repression in ihrem Deutschtum erblickten. Doch ein militanter, ideologisch fundierter Deutschen- glauben konnte im repressiven, unfreien kommunistischen Umfeld nicht zum Tragen kommen, selbst wenn die kommunistischen Behörden die Prozesse der 50-er und 60-er Jahre mit nationalsozialistischen Umtrieben in Verbindung setzten.
        Da der Kommunismus dem nationalsozialistischen Deutschglauben den Nährboden entzogen hatte, fanden die Rumäniendeutschen allmählich zu den Inhalten ihres geschichtlich tradierten Gruppenbewußtseins zurück: Fleiß, Ordnung, Zuverlässigkeit, Ausdauer, christlicher Glaube. Allerdings blieb das Bewußtsein des Inseldaseins in einer andersnationalen Welt bestehen.
Ganz anders verlief die Entwicklung in Deutschland, wo die meisten Amtsträger der Volksgruppe und sonstige Gesinnungsgenossen Fuß faßten und den von ihnen ins Leben gerufenen Landsmannschaften die ideologische Richtung vorgaben. Sie mußten nicht befürchten, in der Republik Adenauers wegen ihres Deutschglaubens benachteiligt oder verfolgt zu werden, im Gegenteil, sie konnten ihrer Ideologie treu weiter anhängen.
        Zwei Aspekte sind maßgebend: zunächst die geschichtliche Ironie, daß diese Leute, deren Ideologie unfreiheitlich und antidemokratisch war, nun die Nutznießer jener Freiheiten wurden, die sie früher bekämpften, und sich des gewährten Spielraums schamlos bedienten, um sich in der Öffentlichkeit als aufrichtige Demokraten aufzuspielen. Als zweites führten sie einen in den Augen jedes Demokraten berechtigten Kampf gegen den sowjetrussischen Kommunismus und das kommunistische Regime Rumäniens. Sie gaben vor, einen völlig selbstlosen Kampf zu führen, der ausschließlich der Befreiung ihrer Landsleute aus dem kommunistischen Gulag diene. Niemand bezweifelt, daß das eine Notwendigkeit war, doch kaum einer verstand - und viele wollen es auch heute nicht wahrhaben - daß die ehemaligen Amtswalter auf diese Weise  ihre nazistische Vergangenheit vor der Öffentlichkeit verbargen. Man kann entgegnen, daß jeder vernünftige Mensch so gehandelt hätte, was zugegebener- maßen stimmt, nur handelte es sich hier um vorbelastete Personen. Diese Leute waren es nun, die ihre in den Schmierkampagnen der 30-er und 40-er Jahre gegen alle Andersdenkenden gewonnene Routine nun in die antikommunistische Propagandaoffensive des Kalten Krieges eintrugen. Sie bevormundeten auch jahrelang die bundesrepublikanische Öffentlichkeit der sbg.-sächsischen Aussiedler ganz nach ihren ideologisch belasteten Vorstellungen. Der zentrale Punkt ihrer Bemühungen war es, den bereits in den 30-er Jahren und zur Volksgruppenzeit (bis 1944) gehegten und gepflegten Wechselbalg der nationalsozialistisch begründeten Gruppenidentität, den sie dem historisch tradierten Selbstverständnis der Sbg. Sachsen und Rumäniendeutschen aufgepfropft hatten, weiter zu kultivieren und als eigentliche Identität auszugeben. Das gelang ihnen auch meisterhaft, weil sie die einschlägigen Printmedien kontrollierten. Sie haben nicht minder dazu beigetragen, daß die  sich aus dem pervertierten Identitätsbewußtsein ergebenden Abwehr- und Verdrängungsmechanismen bis heute uneingeschränkt wirken. Dieter Schlesak hält diesen Sachverhalt in seinem Buch So nah, so fremd. Heimatlegenden, 19954, mit tiefster Verbitterung fest: die nationalsozialistische Weltanschauung, die seine frühe Jugend verdüstert hat, wirkt bei den in der Bundesrepublik lebenden Siebenbürger Sachsen unselig nach.


4. Vgl. unsere Besprechung

V.
>Das noble Ziel einer "kritischen Einstellung gegenüber Eigenem"< versus siebenbürgisch-sächsischem Narzissmus



        Die bisherigen Ausführungen legen nahe, weshalb "das noble Ziel einer "kritischen Einstellung gegenüber Eigenem" (S.156) nicht Sache einer Minderheit ist, sondern aller in der Bundesrepublik lebenden Siebenbg. Sachsen und Rumäniendeutschen, vor allem der jüngeren Generation. In Deutschland wird die Vergangenheitsbewältigung als Unannehmlichkeit und als Zumutung empfunden (S.276). Wer bei den Sbg. Sachsen für Vergangenheitsbewältigung eintritt oder sich daran wagt, gilt als Nestbeschmutzer, linksliberal, antifaschistisch angehaucht und eigenwillig. Das bisher erfolgreich betriebene Verschweigen dokumentarischer Evidenz, die Verfälschung von Fakten und die programmatisch betriebenen Verharmlosung der Tatsachen entspringt der Angst, Selbstverleugnung, Verleugnung seiner Gruppe bzw. seiner Gruppenzugehörigkeit zu betreiben.
        Es muß leider festgestellt werden,daß der kritische Geist gegenüber Eigenem bei den Siebenbürger Sachsen un- bzw. unterentwickelt ist. Deshalb sind sie der Weltöffentlichkeit den Beweis des Gegenteils schuldig geblieben.  Voraussetzung dafür sind Distanzierungs- und Differenzierungsvermögen.

        Wie kontraproduktiv die beharrliche Verdrängung und Verharmlosung ist, belegt z.B. Michael Kroners Besprechung von Adrian Ciupuliga, Die deutsch- sprachige Literatur in Rumänien zwischen 1933 und 1944. Mit einer Biblio- graphie zur Literatur und Geschichte der deutschen Volksgruppe, 19885 .



5. In Neue Kronstädter Zeitung, 4. Jg., Folge 2/88, 1. April 1988, S.8.


        Kroner qualifiziert die Feststellungen Ciupuligas, die bisherige Literatur- und Geschichtsschreibung sei zu traditionsgebunden, zuweilen tendentiös und ideologisch bestimmt und bestrebt, den Nazieinfluß zu kaschieren, als Pauschalurteile ab. Welch eine plumpe Vereinfachung!6


6. Kroner findet zweifelsohne daran Unbehagen, daß Ciupuliga keine Trennlinie zwischen national- konservativem und nationalsozialistischem Vokabular zieht. Es ist in der Tat verfehlt, von Termini wie "völkisch", "Volkstum" u.ä. auf nationalsozialistischen Hintergrund zu schließen. Doch dort, wo typisch nationalsozialistische Vokabeln wie "Rasse", "Jude", "Blut und Boden", "Führer", "Elite" u.s.w. erscheinen, kann nicht vom Gegenteil gesprochen werden. Eine Untersuchung in dieser Richtung kann wesentlich zur endgültigen Abgrenzung von nationalkonservativem und nationalsozialistischem Vokabular und Gedankengut beitragen.


        Kroner vermißt bei Ciupuliga "eine differenziertere Analyse", die eine Vorbedingung der Wissenschaftlichkeit ist. Doch sein kritischer Diskurs bedient ein Differenzierungsverständnis, das wegen falscher Prämissen vollkommen ins Leere läuft. Das ist ein Symptom des offiziellen sbg.-sächsischen Geschichts- verständnisses: es setzt am falschen Punkt an, wodurch seine Ergebnisse zweifelhaft ausfallen, doch es hält an deren Stichhaltigkeit eisern fest.

        Ein weiteres Beispiel geschichtsklitternder Schreibweise liefert Karl M. Reinerth, dessen methodisches Spezialgebiet die besonders raffiniert eingesetzte Pseudodifferenzierung ist, die auf der Umkehrung von Ursache und Effekt (Verursachtem) beruht. Varharmlosung ist das Ergebnis. Hier einige durch Reinerth willkürlich in Ursachen umfunktionierte Effekte. Er behauptet beispielsweise, daß der siebenbg. Wandervogel (Jugendbewegung) immer versucht hat, „eng mit unserer Kirche zusammenzuarbeiten. Es waren vor allem die beiden Pfarrer Wilhelm Staedel und Dr. Konrad Möckel, die in z.T. eigenen Veranstaltungen, wie z.B. in „Richtwochen“, versuchten - wie ich glaube mit Erfolg - Mädchen und Jungen des Wandervogels das Evangelium näher zu bringen.“ Es soll innerhalb des Wandervogels „ehrlich „um den Glauben gerungen“ “ worden sein7 .



7. Karl M. Reinerth, Über die Jugendbewegung bei den Siebenbürger Sachsen bis 1935, in: Siebenbürgisch-sächsischer Hauskalender, 35. Jg., 1990, S.39-60, hier S.49. Das Verb "ringen" weist darauf, daß der Glaube umstritten war.


Daß Konrad Möckel ehrlich bemüht war, den reinen christlichen Glauben den Jugendlichen zu vermitteln, ist unbestreitbar. Nicht Wilh. Staedel, der das militante Glaubensverständnis der nationalsozialistisch ausgerichteten Deutschen Christen vertrat (unter Ausschaltung des Jüdischen aus Bibel und Glauben; der Führer als eigentlicher Erlöser u.ä.). Richtig ist es, daß nicht die Jugendbewegung, sondern Konrad Möckel den Versuch unternahm, mit dem Wandervogel zusammenzuarbeiten. Staedel war ein altgedienter Aktivist in der Jugendbewegung und kein aufrichtiger Christ, weil er der nationalsozialisti- schen Ideologie den Vorrang vor dem wahren Glauben einräumte.
        Das eklatanteste Beispiel Reinerthscher Pseudodifferenzierung ist die Behauptung, der Nationalsozialismus habe die Ende der 20-er Jahre in das Lagerleben eingebaute körperliche Gemeinschaftsarbeit einfach übernommen und zur Arbeitsdienstpflicht umgewandelt8 . Das will besagen, daß die Arbeitsdienstpflicht eine typisch nationalsozialistische Einrichtung war, während die körperliche Gemeinschaftsarbeit nicht nationalsozialistischen Ursprungs war. Das Understatement Reinerths will ferner den Eindruck erwecken, daß es bei den Siebenbg. Sachsen vor 1933 keinen Nationalsozialismus gab. Nationalsozialistisches Gebaren soll erst ab 1933 bzw. 1940 eingesetzt haben.

 8. Ebenda.


        Reinerth behauptet ferner, die Jugendbewegung und der freiwillige Arbeitsdienst seien „ursprünglich kaum vom Nationalsozialismus beeinflußt worden; im Gegenteil, dieser hat sich ihrer bedient und von ihnen profitiert“9 .


9. Reinerth, S.51.


Der böse Nazismus, dem die Jugendbewegung so lang wie möglich aus dem Weg ging! Das war wohl eine Samariterbewegung!? Wenn dem so gewesen wäre, hätte der nationalsozialistisch beeinflußte Ernst Jekelius, Schriftleiter der „Kirchlichen Blätter“, im „Klingsor“ über den Jugendtag in Agnetheln vom 29./30. Juni 1935 nicht so begeistert geschrieben: „[...] weiß ich, daß ich hier an einem zweiten Markstein im Leben unseres Volkes stand. Die Jugend ist mündig geworden. Sie marschiert. [...] Hier aber ist die Erfüllung, hier ist das Leben [...]“10. Jekelius stellt fest, daß er hier die Erfüllung dessen erblickt, wofür seine Geneartion den Weg bereitet hat.


10. Reinerth, S.55.


        Die Einstellung Kroners zu Ciupuligas Literaturgeschichte zeichnet sich dadurch aus, daß sie Meinungen von außerhalb des 'Volkskörpers' als Bedrohung aufnimmt und bekämpft, statt auf die Gegenseite zu- und auf deren Argumente konstruktiv einzugehen, wodurch ein Dialogverhältnis aufgebaut würde. Doch es herrscht Dialogunwilligkeit und -unfähigkeit vor. Ignoranz in der eigenen Abkapselung ist vorprogrammiert.
        Ein weiterer Wesenszug des verkrampften sbg.-sächsischen Geschichts- verständnisses ist die Unfähigkeit, effektiv zu differenzieren, obwohl von der Gegenseite Differenzierungsvermögen lautstark gefordert bzw. dieser vorgeworfen wird, nicht genügend oder gar nicht zu differenzieren.
        Als nächstes drängt sich die beängstigende Ein- und Enggleisigkeit der Sichtweisen von K.M. Reinerth und Michael Kroner auf. Sie sprechen aus einem Munde, ihre Aussagen und Argumente sind gut eingeübt, was den leisen Verdacht aufkeimen läßt, daß sich hier Spuren früherer Indoktrinierung artikulieren, die allerdings auf unterschiedliche Ideologien zurückgehen.
        Die Geschichtsdeutung11, die Reinerth und Kroner vornehmen, trägt Züge einer festgefahrenen Defensive in sich. Sie vermeint in jeder Meinungs- äußerung, die nicht ihrem eigenen Verständnis entspricht, einen Angriff auf das Selbstverständnis12  der Siebenbürger Sachsen erblicken zu müssen13 .


11. Es ist fehl am Platz, hier von 'Geschichtswissenschaft' zu sprechen.
12. Kroner nennt es obendrein 'völkisch'.
13. Das erinnert an  'Einkreisungspsychose'.


        Die angesprochenen Einstellungen und Reaktionen weisen auf ein selbstgenügsames Selbstverständnis, dem die Infragestellung des Ureigenen, die kritische Einstellung gegenüber Eigenem nicht der Mühe wert ist. Kritik dient im Reinerth-Kronerschen Geschichtsverständnis ausschließlich der Abwehr unbequemer Stellungnahmen, woraus ferner zu schließen ist, daß hier nur Fremdes, Andersartiges, nicht Eigenes kritikwürdig ist. Diese durch und durch unzeitgemäße Positionierung zeichnet sich durch Starrheit und Erstarrung, Selbstgefälligkeit und Selbstgenügsamkeit aus. Ein von Unreifheit und Narzissmustriefendes Selbstverständnis!

        Die erläuterte Problem(schief)stellung erzielt die Verharmlosung geschichtlicher Tatbestände auch durch:
    I. ausschließliche Darstellung von Ereignissen, wobei auch hier in den meisten Fällen selektiv verfahren wird, wodurch Akzentverlagerungen entstehen, die zur Geschichtsklitterung beitragen;
    II. aus I. ergibt sich bewußt betriebene Entpersonalisierung (die Akteure werden nicht genannt). Wie wichtig die Personalisierung ist, zeigt Punkt 4.
Dies Verfahren operiert auf drei Ebenen:
    a) die nationalistisch oder nationalsozialistisch befrachteten Akteure werden entweder ganz verschwiegen (oder als makellos dargestellt);
    b) es werden nur Akteure minderer Bedeutung genannt;
    b) indem keine oder nur wenig profilierte Handelnde genannt werden, wird die 'heikle' Frage eines nationalistisch oder nationalsozialistisch begründeten politischen Willens geschickt umgangen, wodurch die Träger dieses Willens, Einzelpersonen, Gruppen, Parteiungen, Parteien oder Organisationen, nicht weiter genannt werden müssen. So können im Handumdrehen personen- bzw. gruppenunabhängige Gegebenheiten vorgeschoben werden, um die Radika-
lisierung  zu erklären, will sagen, diese außersiebenbürgischen Faktoren anzulasten. So kommt beispielsweise die Behauptung zustande, die Jünger des sbg. Nationalsozialismus seien ausschließlich aus reichsdeutscher Richtung vereinnahmt worden, also nicht aus eigenem Antrieb dieser Ideologie verfallen. . Der Nationalsozialismus soll also den Siebenbürgern geradezu aufgezwungen worden sein. Die Fakten sprechen indessen eine gegenteilige Sprache.
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"Negativkritik aus linksintellektueller Ecke?"

© Klaus Popa 1996 Die durch die Stellungnahme von Stefan Mazgareanu in der Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde, Jg.18 (89.), 1995, S.189-191 (In nationalsozialistische Verbrechen verstrickt. Anmerkungen zu einer Forschungslücke) entfachte Diskussion ist in  mehrfacher Hinsicht willkommen. Die Reaktionen lassen sich wie bei jeder Diskussion in positiv und negativ gruppieren. Von den letzteren ist die Stellungnahme von Rolf Reiser, Kritische Anmerkungen, Zeitschr.f.Sbg. Landesk. Jg.19 (90.), 1996 S.66-73 wohl die aussagekräftigste, daher die Entscheidung der Schriftleitung, sie abzudrucken. Reiser entdeckt in der Formulierung "In nationalsozialistische Ver- brechen verstrickt" ganz zu unrecht "pauschale Diffamierung" (S.66,68). Auch das Fazit seiner "Kritischen Anmerkungen" bleibt auf derselben Linie: "... können nicht alle Siebenbürger Sachsen pauschal als "in nationalsozialistische Verbrechen ver- strickt" verunglimpft werden". Die "Betroffenheitsetiket- te" kann auch zu Geschichtsklitterung führen" (S.70). Zum letzteren führt eher das bisher mit sichtlichem Erfolg praktizierte Unterden-Tisch-Kehren, d.h. Totschweigen der Problematik, der sich Mazga- reanu jetzt annimmt. Die Diskussion um nationalsozialistische Verstrickung mancher Sieben- bürger Sachsen kommt zu einem Zeitpunkt in Schwung, da auch die  bundesdeutsche Öffentlichkeit sich mit der Frage auseinandersetzen  muß, ob der Durchschnittsdeutsche geradezu veranlagt war, ein will- fähriges Werkzeug des nationalsozialistischen Holokaust zu sein. Ausgelöst wurde die Diskussion durch das inzwischen auch in deut- scher  Übersetzung vorliegende Buch des US-Politologen Daniel Gold- hagen. Der Fragestellung  um die Verstrickung in nationalsozialistische Greultaten ist sowohl auf siebenbürgisch-sächsischer als auch auf bundesdeutscher Ebene jeweils das gleiche Maß zugrunde zu legen, weil dieses Kapitel siebenbürgisch-deutscher Geschichte aufs engste mit der Geschichte des binnendeutschen Nationalsozialismus verbunden, ja eine Auswuchserscheinung des letzteren ist. Die weitere Diskussion bzw. Forschung ist also gefordert, die Geschichte der ideologischen (theo- retisch-weltanschaulichen) und konkret-materiellen Beziehungen des National- sozialismus zu dessen siebenbürgischem Ableger zu erkunden. Erst in diesem kontextuellen Rahmen kann die freiwillige Meldung bzw. das dienstbeflissene Auftreten mancher Siebenbürger Sachsen, ihr eigentlich "blindes" Engagement  für die nationalsozialisti- sche Sache beurteilt werden. Einen Einblick in die Rezeption rassistischer Vorstellungen, denen die dokumentierten Fälle von Dr. Klein und Dr. Capesius durchaus entsprechen - zweifelsohne sind diese nicht die einzigen siebenbürgischen Ärzte, die rassenbiolgische Grundsätze vertraten - bietet Heinrich Lingner, "Sitte, Moral und Volksreinheit bei Heinrich Siegmund" (Sbg. Semesterblätter, 6.Jg., 1992, S.169- 172).  Es sei noch auf die zahlreichen Aufsätze verwiesen, welche der  XV. Abschnitt von Hermann Hienz' "Bücherkunde zur Volks- und Heimatforschung der Siebenbürger Sachsen", München 1960, S.181-187 bibliografiert. Allein von Heinrich Siegmund liegen 5 Aufsätze vor, deren Titel rassenbiologisch-völkisch formuliert sind (z.B. "Zur sächsischen Rassenhygiene").  Ein weiterer Arzt, der ähnlich titulierte Arbeiten bereits Anfang des

Jahrhunderts
auftischte, ist Heinrich Müller. In den 30-er Jahren taten sich Alfred
Csallner, Ludwig Haltrich, Viktor Lebzelter und Eckhardt Hügel in
ähnlicher Weise hervor.
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Der Stellenwert antisemitischer und rassistischer Äußerungen in der Volks- und Kirchenpolitik von Viktor Glondys, Bischof der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien (1932-1941)
von
Klaus  P O P A


 


1. Seite

Viktor Glondys übernahm das Bischofsamt in einer der schwierigsten Perioden siebenbürgisch-sächsischer und rumäniendeutscher Geschichte, als besonders dynamische und skrupellose Kräfte das politische und kirchliche Leben aufrüttelten und in Unordnung brachten. Die nazistische Bewegung artete in der Person des  akademischen Jungvolkes, das in Deutschland Theologie und andere Wissenschaften studierte, dahingehend aus, daß Glondys als höchster Vertreter der Kirche, in deren Obhut die Schulen und weitere sozialen Einrichtungen waren, zur Zielscheibe von Verleumdung und Diskreditierung sowohl im In-, als auch im reichsdeutschen Ausland wurde. Zwar gelang es Glondys mit den gemäßigten Nationalsozialisten zu einem vertraglich abgesicherten Modus vivendi zu gelangen, doch die radikalen Kräfte führten ihren Kampf um die Einvernehmung und Umgestaltung der Kirche in nationalsozialistischem Geist unvermindert weiter, bis sie im Jahre 1940 die politische Führung der rumäniendeutschen Minderheit über- nahmen und Bischof Glondys zur Abdankung zwangen.

Um die Stellung von Viktor Glondys zum Problem des Antisemitismus und Rassismus in rechtem Licht sehen zu können, sind folgende Punkte zu beachten:

a) Der Antisemitismus als ideologische Konstante und praktisch angewandte Politik ist bekanntlich eine besondere Form des Rassismus. Glondys artikulierte persönlich nirgends antisemitische Töne, hingegen brachte er das Argument der Rasse wiederholtermaßen zur Sprache in Verbindung mit dem Abwehrkampf der Rumäniendeutschen, vornehmlich der Siebenbürger Sachsen, gegen Entnationalisierungsversuche.

b) Glondys war in erster Linie evangelischer Theologe, daher ist seine Sichtweise und sein Rassenverständnis betont theologisch.

c) Rasse und Volk treten in der Ideologie der Nazis gemeinhin als Begriffs- paar und in nationaler Absolutheit auf. Nicht so bei Glondys, der weder die deutsche (bzw. arische) Rasse, noch das deutsche Volk als rassisch auserwählt anspricht. Er benutzt diese Begriffe lediglich in Bezug auf die Rumäniendeutschen bzw. auf die Landeskirche und deren Inseldasein.

d) Zwar war Glondys konsequent bemüht, die Landeskirche aus den politischen Querelen zwischen Konservativen und nazistischen "Erneuerern" herauszuhalten, was ihm bis 1936 gelang, doch unpolitisch hat er weder bis 1936, noch nachher gehandelt. Er beruft sich auf Antisemitismus zu politi- schen Zwecken, allerdings nur in seiner Frühphase als Bischof. Der Antisemitismus gewinnt dabei ein ähnliches Gewicht wie der Antibolschewismus, der vor allem ab 1936 im Vokabular von Glondys auftaucht.

Bereits auf den ersten Seiten seines "Tagebuches" finden sich zunächst Anmerkungen über das harte Durchgreifen der Nazis gegen die Hoch- schullehrerschaft jüdischer Herkunft. Der Siebenbürger Sachse Hermann Phleps, der an der Technischen Hochschule in Danzig lehrte und bei dem Kurt, der Sohn von Glondys, Architektur lernte, sprach über die "Überflutung deutscher Hochschulen durch Juden", daß die "Säuberung" notwendig gewesen sei, diese aber unauffälliger hätte durchgeführt werden sollen (August 1933) 1.
Line5.gif - .127 K1. D. Dr. Viktor Glondys, Bischof der Evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien, "Tagebuch. Aufzeichnungen von 1933 bis 1949", hg. von Johann Böhm und Dieter Braeg, bearbeitet von Johann Böhm, AGK-Verlag Dinklage 1997 (fortan "Tagebuch"), S. 3. Die in Klammern angeführten Zeitangaben entsprechen den jeweiligen Tagebuchdatierungen. Zum politisch-ideologischen und gesetzlichen Hintergrund der sogenannten "Säuberung" der Hochschulen von nichtkonformen Lehrkräften und Studenten vgl. Wolfgang Keim, "Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Antidemokratische Potentiale, Machtantritt und Machtdurchsetzung", 1. Bd., Darmstadt 1997, S.75-83, 159-163.

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Im Zuge seiner in Österreich vorgenommenen Eintragungen, die ganz unter dem Eindruck der Entwicklungen in Deutschland nach der Macht- übernahme durch Hitler stehen, reflektiert Glondys über die "Entstellungen, Verleumdungen, Unterdrückungen durch Verschweigen oder wenigstens Weglassung wesentlicher Tatsachen", die ihm in seiner Amtszeit in Siebenbürgen widerfahren sind. Er denkt dabei an die Angriffe "seitens unserer nationalsozialistischen Presse im Herbst 1931 im Zusammenhang mit meiner Predigt vom "Samaritergeist" " (14. August)2. Den Stein des Anstoßes bildete die Predigt vom 6. September 1931, die durch Fritz Fabritius, den Führer der Nationalsozialistischen Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien (NSDR) dem Rassenforscher Dr. F.K. Günther nach Jena zur Begutachtung geschickt wurde. Der Gutachter befand, daß der damalige Kronstädter Stadtpfarrer und Bischofsvikar die Rassenlehre mißachtet habe. Glondys reagierte mit der Feststellung, daß er wissenschaftlich einwandfreie Rassenpflege nicht ablehne, jedoch Rassenhaß und Rassenkultus bekämpfe3. Diesem Grundsatz ist Glondys Zeit seines Lebens treu geblieben. Wenn er sich während seiner Amtszeit als Bischof wiederholt auf Begriffe wie "Rasse", "Rassengesundheit", "volksrassisch", "Rassenschande", "rassische Ehre" usw. beruft, so in wissenschaftlicher, nicht in antisemitischer Zielsetzung.

Bemerkenswert sind die Betrachtungen des Tagebuchschreibers über die "nationalsozialistische Verkündigung". Es fällt auf, daß Glondys eine genaue und distanzierte Einschätzung des NS-Treibens liefert, die ihm bis zu seinem Lebensende eigen war. Er stellt zunächst fest, daß das Bekenntnis zum Nationalsozialismus erzwungen, außerdem der Kadavergehorsam gefördert wird. Die Einschätzung: "Hier haben wir den stärksten Einbruch katholischen Geistes in den Protestantismus" entspringt eher theologischen Überlegungen, doch im Kontext ist ersichtlich, daß Glondys das politische Umfeld in Nazideutschland im Auge hat: "Die geistige Bechränktheit, allerdings verbunden mit fanatischem nationalem Elan, hat gesiegt und herrscht mit der Faust." Glondys findet an der deutschen Erneuerungsbewegung "die Bannung der bolschewistischen Gefahr, die Einigung der Länder und Stämme zu einem Staat und Volk, die Rettung vor jüdischer Überwucherung, die Abkehr von Materialismus und Egoismus, [...], die Hingabe ans Volksganze, das Erwachen des Opfersinns usw" wertvoll (17. August 1933)4. Glondys war damals von einigen "Errungenschaften" des Nationalsozialismus offenbar beeindruckt, u.a. auch von den anti-jüdischen Säuberungsmaßnahmen in Erziehung, Politik und Wirtschaft. Diese Sichtweise steht in Verbindung zu den Verhandlungen, die er im Oktobr/November 1933 in Berlin "in volkspolitischen Angelegenheiten der Deutschen Rumäniens" führte.

Glondys brachte die Idee der "friedlichen Durchdringung unseres Volkes (der Rumäniendeutschen) mit den Ideen der Volkserneuerung unter Vermeidung von Angriffsflächen gegenüber der rumänischen Regierung; und über die Beibehaltung der bisherigen antisemitischen Haltung ohne öffentliche Proklamierung des Antisemitismus" (u.U.) seinen reichs- deutschen Verhandlungspartnern vor (Berlin, 25. Oktober)5. Die Formel der friedlichen Durchdringung mit den Ideen der Volkserneuerung blieb eine konstante Zielsetzung von Glondys in seiner Abgrebzungs- und Abwehrpolitik der nationalsozialistischen Angriffe gegen die Landeskirche. Die Konzeptbezeichnung wurde sogar von den reichsdeutschen Stellen angenommen. Auch seine Einschätzung, die antisemitische Haltung der Siebenbürger Sachsen gäbe keinen Anlaß zu öffentlich proklamiertem Antisemitismus, floß in den Brief des Rudolf Hess vom 25. Oktober 1933 Line5.gif - .127 K 2. "Tagebuch", S. 15.
3. Hans Beyer, "Viktor Glondys (1882-1949). Ein Beitrag zur Geistes- und Kirchengeschichte des Südostdeutschtums zwischen den beiden Weltkriegen", in: Festschrift für Balduin Saria zum 70. Geburtstag (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission, Bd. 11), München 1964, S.408-459, hier S. 443, Anm.36.
4. "Tagebuch", S. 18.
5. "Tagebuch", S. 45.

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an Fritz Fabritius ein. Der Antwortbrief der Reichskanzlei an Glondys vom 31. Oktober 1933 hebt "das Rassebwußtsein" der Siebenbg. Sachsen hervor, das "in prächtiger Form erhalten ist"6.

Die Tagebucheintragung vom 26. Oktober 1933 über die Verhandlungen beim Volksdeutschen Rat in Berlin vermittelt den Beweggrund für Glondys' Ablehnung antisemitischer Propaganda in Siebenbürgen: "Gefährdung unserer Industrie und des Handels durch den aggressiven Antisemitismus..." (26. Oktober)7.

Im weiteren Verlauf der Aufzeichnungen gibt es keine antisemitischen Bezugnahmen mehr. Dieser Problemkreis war mit den erfolgreichen Verhandlungsergebnissen in Berlin für Glondys abgeschlossen. Es dürfte einleuchten, daß Glondys’ antisemitischen Äußerungen weder religiös fundiert, noch einem radikalen und vulgären Rassismus entsprangen. Doch die Rassen- und Blutproblematik beschäftigte Glondys weiterhin, zunächst auf politischem Hintergrund, später ausschließlich in theologischem und missionarischem Zusammenhang.

So äußerte Glondys am 26. November 1934 vor Fritz Jickeli, er stehe auf der Grundlage des evangelischen Christen und lehne alles ab, was dem evangelischen Christentum widerspreche. Er schätze die Forderung von D.B.8, im Dienste seiner Gemeinschaft als urchristliche Forderung zu stehen. Er sieht auch "das Eintreten für sein Volk als Gott gegebenes Recht und Pflicht an", er anerkennt das Führerprinzip, "wenn "Führer" nicht gleich Diktator sei, sondern es das Vorgehen des einen und das Nachfolgen des anderen aufgrund des Vertrauens sei". Diese Funktion erfülle auch der Bischof. Doch Glondys lehnt jede Diktatforderung und jeden Kadavergehorsam ab. Er anerkennt auch die Offenbarung Gottes in Rasse und Blut, aber lehnt es ab, "daß sie an Stelle der Offenbarung Gottes in Jesus Christus trete" (Hermannstadt, 26. November 1934)9.

Diese Äußerungen geben die theologische und politische Verhaltensweise von Glondys vor. Das Führerprinzip im nationalsozialistischen Sinn ist ihm fremd. Seine Führerschaft als Bischof unterscheidet sich von der diktatorisch-totalitären darin, daß sie auf Vertrauen der Gefolgschaft, nicht auf Kadavergehorsam beruht (In späterer Formulierung ist die christliche Liebe ausschlaggebend, entgegen dem nazistischen Treuegelöbnis). Hier wir auch sichtbar, bis zu welchem Punkt Glondys bereit war, das Rasse-und-Blut-Prinzip gelten zu lassen: Er akzeptiert es als Offenbarung Gottes10 , lehnt aber seine Mystifizierung in neuheidnischer Kultform ab, weil die Offenbarung Gottes in Jesus Christus für den Christen Glondys einzigartig ist.

Aus dem Beitrag "Zur Lage der Volkskirche der Siebenbürger Sachsen" in der Jubiläumsausgabe der "Kronstädter Zeitung" vom 24. Mai 1936 ist ersichtlich, daß Glondys vom gesamten Vorstellungskomplex um den Begriff "Rasse" auf sozialer Ebene das Prinzip der 'Rassegesundheit' und auf theologischer Ebene das der 'Rassereinheit' gelten läßt: "Unsere Volkskirche hat seit jeher ihre Aufgabe mit darin gesehen, aus religiösen Gründen auch das  V o l k s t u m  zu fördern. Daß sie Pflege von Volkstum u. auch Rassegesundheit nicht nur nicht ablehnt, sondern für beides zu arbeiten bemüht ist, zeigt sich schon in der Tatasache, daß in dem Amtsblatt unserer Kirche ein Fürsorgeblatt erscheint, das dieses Anliegen eindringlich vertritt. Die religiöse Begründung für  V o l k s-  u.  R a s s e-
b e z o g e n h e i t  k i r c h l i c h e r  A r b e i t  entnimmt unsere Kirche aus der Heiligen Schrift, in der bekanntlich die Pflicht zur Dienstleistung eines jeden einzelnen Mitglieds bei der Erhaltung seines Volkes und dessen Rassereinheit als Wille Gottes im Alten

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6. "Tagebuch", Anm.126, S.46-47.
7.  Ebenda, S.49.
8.  Offensichtlich ist Dietrich Bonhoeffer gemeint, der ein prominentes Mitglied der "Bekennenden Kirche" war, die in Opposition zu den Nazis stand. Er wurde im KZ ermordet. Robert P. Ericksen, "Theologen unter Hitler. Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und Nationalsozialismus", München Wien 1986, S.252 charakterisiert Bonhoeffers Theologie folgendermaßen: "[...], daß seine Theologie für den mündigen Menschen sich nicht auf die Volksidee gestützt oder einen totalitären Staat akzeptiert hätte".
9. "Tagebuch", S.147.
10. Glondys sagt damit nichts anderes, als daß die Rassen- und Völkervielfalt gottgegeben sind. In theologischen Termini entspricht das der "Offenbarung aus der Natur" oder der „allgemeinen Offenbarung“.

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Testament verkündet und im Neuen nicht nur nicht aufgehoben, sondern durch das Beispiel Jesu und des Apostels Paulus bekräftigt wird"11 .

Dieser Ausrichtung blieb Glondys bis zur Auflösung der Volksgruppe (infolge der Ereignisse vom 23. August 194412) treu. Er trug sein Programm auf Tagungen internationaler Verbände der evangelischen Kirche vor, so am 24. Januar 1937 in Berlin vor dem Zentralausschuß für Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche, wo er unter anderem "auf die volksrassische Bezogenheit der missionarischen Arbeit in unserer Kirche hin(wies)"13.

In der Eröffnungsansprache "Zur Gegenwartslage unserer Landeskirche" am 3. Juli 1938 vor der 36. Landeskirchenversammlung bezieht sich Bischof Glondys erneut auf die "völkisch-rassische Gesundheit", deren Pflege und Förderung den Frauenorganisationen obliegt. Glondys erklärt: "Das Volk erscheint als Schöpfung Gottes, deren Besonderheit als Ausdruck des göttlichen Schöpferwillens zu achten ist. Diese Besonderheit zu verwischen oder allmählich durch Assimilierung aufzuwischen, erachtet die Kirche ebenso als Versündigung an Gottes Schöpfung, wie die Vernachlässigung der Pflichten zur möglichsten Gesund- und Reinerhaltung der Rassen. Darum muß sich eine Volkskirche pflichtgemäß gegen alle auf die Aufhebung oder Minderung des völkischen Charakters gerichteten Bestrebungen wenden, woher immer sie kommen mögen. Sie hat die völkische Art zu schützen. Dies hat unsere Kirche als eine ihrer großen Aufgaben neben der Verkündigung des Evangeliums immer angesehen und kann davon nicht lassen, wenn sie nicht eine ihr aus dem Evangelium der Liebe und aus dem Bekenntnis zum ersten Glaubensartikel „Von der Schöpfung" gewiesene Pflicht versäumen will. Sie hat das Volk nicht nur gegen Gefährdung der Volksart, somit gegenüber allen  E n t n a t i o n a-
l i s i e r u n g sversuchen  mitzuschützen, sondern auch dafür zu sorgen, daß die Volksgesundheit vor Schädigungen bewahrt und nach Tunlichkeit gefördert wird. Dazu weiß sie sich durch die Helige Schrift, zu der sie sich als dem Zeugnis von der Offenbarung des göttlichen Willens bekennt, aufgerufen, da nach der Bibel auf  R a s s e n s c h a n d e  härteste Strafen gesetzt sind und diese Strafen im Willen Gottes begründet werden. [...]“14.

Der Bischof nimmt auch zu den geistespolitischen Tendenzen in Deutsch- land Stellung und charakterisiert die „nicht nur im deutschen Volk auftretende Bestrebung, die Offenbarung in Christus durch Wertever- kündigungen zu ersetzen, die ihre Begründung in Blut, Rasse, Volkstum haben“15  als Gefahr. Glondys bemerkt zugleich tief besorgt und mahnend, daß „diese großen volksbiologischen Phänomene auf dem Gebiet des geistigen Seins vor dem Religiösen“ nicht Halt machen und „bis zur Forderung der Ausschaltung alles Artfremden“ schreiten. „Wir stehen mitten in dieser Entwicklungsphase und dürfen uns nicht wundern, wenn eine jugendliche Bewegung, die ein ganzes Volk ergriffen hat, den Universal- charakter der in Christus erfolgten Offenbarung verkennt, weil andere Tatasachen in den Blickpunkt getreten sind und aus dem Mißverständnis, als handelte es sich bei Christus um die Offenbarung jüdischen Wesens, den Kampf gegen die christliche Kirche im deutschen Volk meint aufnehmen zu sollen. [...]“16.

Glondys erkennt, daß die nationalsozialistische Politik die Kirche auf zwei Fronten in die Mangel nimmt: einerseits auf weltanschaulicher, vermittels der neuen Blut-Rassen-Volkstums-Religion und Mythologie, andererseits auf theologisch-dogmatischer durch die Forderung, das "Artfremde" aus dem Religiösen auszuschalten, sprich: das Jüdische zu verbannen. Damit verkennt die nationalsozialistische Bewegung "den Universalcharakter der in Christus erfolgten Offenbarung" und propagiert mißverständlicherweise, bei Christus handle es sich um die

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11. Kronstädter Zeitung, Festausgabe vom 24. Mai 1936, S.27-29, hier S. 28.
12. Damals wurde der Diktator Ion Antonescu gestürzt und Rumänien trat auf der Seite der Alliierten den Krieg gegen Hitlerdeutschland an.
13. "Tagebuch", S.239 (u.U.).
14. Kirchliche Blätter, Jg. 30, Nr.27/5. Juli 1938, S.337.
15. Ebenda, S.338.
16. Ebenda, S.339.

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"Offenbarung jüdischen Wesens". Bischof Glondys lehnt hier die Vergewaltigung des Glaubens seitens der glaubensfremden und theologiefremden und -feindlichen Rassenideologie der Nazis und deren Handlanger in der evangelischen Kirche Deutschlands, die "Deutschen Christen", entschieden ab17.

Den bereits angesprochenen Universalcharakter der christlichen Offenbarung konkretisiert der Bischof wie folgt: „... Diese (die der Kirche anvertraute Sache) ist keine irdische. Sie liegt jenseits alles Irdischen, jenseits aller menschlichen Konstruktionsmöglichkeiten. Die Frage, auf die die Kirche Christi Antwort gib, betrifft nicht die menschlich-irdisch-rassisch- völkische Ebene. [...] Kein Mensch, der um diese Dinge weiß, gleichviel welcher Rasse er zugehört, kann sich auch nur vor seinem eigenen Gewissen, geschweige denn vor Gott von seiner Schuld freisprechen. [...]“18. Weil die Botschaft der Kirche universell ist durch ihre Transzendenz („Sie liegt jenseits alles Irdischen, jenseits aller menschlichen Konstruk-
tionsmöglichkeiten“), überbietet sie auch Festlegungen rassisch-rassisti- scher Natur. Glondys ist also nicht bereit, das Wesen der evangelischen und jeder christlichen Theologie, das Dogma von der Offenbarung Gottes in und durch Jesus Christus und das Schuldbekennntis ausschließlich menschlich-irdischen Gesichtspunkten zu opfern.

Auch seine Äußerung zum "Mythus des 20. Jahrhunderts" von Alfred Rosenberg, ebenfalls anläßlich der 36. Landeskirchenversammlung, zeigt auf, inwieweit Glondys bereit ist, Ansätze des Rassismus in evangelischer Theologie und evangelischem Lebenswandel zu dulden. Er hatte bereits in Verbindung mit der Volksgesundheit darauf hingewiesen, daß "nach der Bibel auf  R a s s e n s c h a n d e  härteste Strafen gesetzt sind [...]“19.  Nun führt er diesen Gedanken aus: „[...] Nichts hindert uns, die positiven Werte anzuerkennen, auf die etwa der  M y t h u s  d e s  20.  J a h r h u n d e r t s  hinweist. Im Gegenteil, wir haben sie sehr ernst zu nehmen. Dies ist der Bereich der allgemeinen Offenbarung Gottes innerhalb seiner Schöpfung, in diesem Falle im Rassisch-Irdischen. Aber unsere Frage bleibt. Man kann sich auch gegen die rassische Ehre vergehen. [...]“20.

Rassistische Ansätze in der „allgemeinen Offenbarung“, die in der Schöpfung manifest ist, sind also zulässig, weil auch die Bibel auf Rassenschande bzw. rassische Ehre hinweist. Hat Glondys deshalb als Rassist zu gelten? Zunächst muß des Umstandes Rechnung getragen werden, daß er keinen Rassismus praktiziert hat. Ferner ist zu beachten, daß seine Aussagen zu diesem Thema von der politischen Konjunktur bei den Siebenbürger Sachsen vorgegeben waren. Sie sind als Refelex des ungeheueren ideologischen Druckes einzustufen, dem der Bischof bereits vor seinem Amtsamtritt seitens der einheimischen Nationalsozialisten ausgesetzt war. Da er auf kirchenpolitischer Ebene nicht zu Kompromissen bereit war, bot er seinen Gegnern den „begrifflichen Kompromiss“ an, der sich auf die verbal-begriffliche Ebene beschränkte21. Es fällt

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17.  Glondys stand unter dem Eindruck des 1938 von den „Deutschen Christen“ in Eisenach gegründeten antijüdischen „Instituts zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf die Kirche“. Diese hatten in ihrem Zehn-Punkte-Programm (1932) die Reinheit der Rasse postuliert. Vgl. Ericksen (wie Anm.8), S.74,127.
18. Wie Anm. 16.
19. Wie Anm.14.
20. Wie Anm.16. Die auf der 36. Landeskirchenversammlung geäußerten Gedanken fanden im Aufsatz „Offenbarung und Weltanschauung“, Sonderdruck aus „Protestantismus. Zeugnisse der Gegenwart“, hg. von Dr. Gerhard Ohlemüller, Berlin 1939, ihren philosophisch-theologischen Niederschlag. Da Glondys hier die Schuld- und Sühneproblematik, die um das „Urphänomen des Gewissens“ kreist, als Kernstück der christlichen Offenbarung anspricht, visiert er implizite, daß alle Formen unchristlicher Weltanschauung, also auch die nationalsozialistische, das Schuldbewußtsein (=das Gewissen) ausklammert (S. 8). Er warnt auch davor, daß „die besondere Offenbarung in Christus überflüssig werden könnte“, durch den rassisch bestimmten Charakter ganzer Völker als Aspekt der natürlichen, allgemeinen Offenbarung (S.9).
21. Diese Taktik ließ die sbg.-sächsischen Nazis kalt, die ungehindert und skrupellos auf die politische und moralische Kompromittierung und Beseitigung des Bischofs hinausarbeiteten.

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auch auf, daß Glondys das Adjektiv ‘rassisch’ immer in Begleitung von ‘völkisch’ benutzt (‘völkisch-rassisch’), hingegen die nazistische Trias ‘Blut, Rasse, Volkstum’22 entschieden verwirft.

Es dürfte einleuchten, daß Bischof Glondys - auch schon durch sein Amt - politisch zu exponiert war, um das rassistische Vokabular seiner Zeit nicht aufzugreifen. Doch er setzte es bewußt nur im kirchlichen Kontext und im Kontext der Siebenbürger Sachsen (bzw. Rumäniendeutschen) ein, um auf die Notwendigkeit der Erhaltung dieser Minderheit hinzuweisen23.

Glondys setzt die Begriffe „Rasse“ und „rassisch“ auf zwei Ebenen ein, auf die sich die jeweilige Konnotation auch beschränkt:

    a) auf theologisch-dogmatischer Ebene ist die Konnotation universalistisch (=allgemein offenbart24), so wie die göttliche Schöpfung es ist, zu der die Völker und Rassen gehören;
    b) auf volkspolitischer Ebene, konkret auf das Völkchen der Siebenbürger Sachsen bzw. auf die Rumäniendeutschen als Minderheit bezogen, wo Glondys „Rasse“ und „Volk“ als austauschbare Begriffe einsetzt. Damit visiert er implizite das Deutschtum der Minderheit, der er vorsteht und für die er Verantwortung trägt.

Bereits von seiner aus den Dogmen des evangelischen Christentums abgeleiteten universalistischen Sichtweise her konnte Glondys kein Rassist und folgerichtig kein Antisemit sein. Seine Ablehnung der „Ausschaltung alles Artfremden“, ebenso des deutschchristlichen Postulats, in Christus offenbare sich „jüdisches Wesen“25, blieb auch nach seiner Entfernung aus dem Bischofsamt (Februar 1941) ungebrochen. Die neue Kirchenführung unter Bischof Staedel war offensichtlich bemüht, die evangelische Landeskirche A.B. der Volksgruppenführung, die seit 1940 die politischen Belange der Rumäniendeutschen leitete, nicht in irgendeiner Form zu übergeben, sondern umgekrempelt nach dem Muster der „Deutschen Christen“ und deren antisemitischer Theologie. Dazu sollte das auf Staedels Veranlassung 1941 gegründete „Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" und die dazugehörende "Arbeitsgemeinschaft" dienen26. Glondys vermerkt in diesem Zusammenhang am 3. März 1943, vom nazistisch eingestellten Pfarrer Lebouton erfahren zu haben, die "Reformation" der Landeskirche "sei nicht auf der Grundlage des Rosenberg'schen Mythos aufgebaut, sondern vor allem im Sinn einer Reinigung der Kirche von jüdischen Einflüssen"27.

Man kann es nur als Ironie bezeichnen, daß Bischof Staedel sich in der "Vorlage betreffend Förderung des "Instituts zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“" auf eben die Aussagen von Altbischof Glondys beruft, die dieser anläßlich der 36. Landeskirchenver- sammlung bezüglich der Volksgesundheit getan hatte28. Doch Staedel schneidert das Zitat seinem Manifest zweckdienlich zu, indem er den Passus ausläßt, den Glondys als
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22. Wie Anm.15.
23. Vgl. S.5 und Anm.14. Es liegen uns auch keine Erkenntnisse vor, daß Glondys den Terminus „Rasse“ mit „deutsch“ bzw. „deutscher Art“ identifiziert hat. Er wendet sich ja entschieden gegen das Programm der „Deutschen Christen“, „alles Artfremde“ (=nichtdeutsche=jüdische Wesen) aus dem Glauben und der Kirche zu entfernen (vgl. S.5 und Anm.16). Im Zehn-Punkte-Programm der Deutschen Christen von 1932 heißt es diesbezüglich: „Wir bekennen uns zu einem bejahenden artgemäßen Christusglauben, wie er deutscher Luthergeist und heldischer Frömmigkeit entspricht“ (Ericksen (wie Anm.8), S.127).
24. Vgl. S.4 und Anm.20.
25.  Vgl. S.4. Die deutschen Christen lehnten das Alte Testament wegen seiner tiefgreifend jüdischen Wurzeln ab und "proklamierten einen arischen statt eines jüdischen Jesus und vermischten heidnische und christliche Elemente zu einem eigentümlich deutschen Mystizismus" (Eicksen (wie Anm.8), S.75).
26. Dr. J. Böhm druckt unter Nr.10 im Anhang seiner Tagebuchedition die Zuschrift dieser Arbeitsgemeinschaft an die Volksgruppenführung (15. März 1942) und die "Vorlage betreffend Förderung des "Instituts zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben"„ vom 31. Oktober 1941, die dem Landeskonsistorium vorgelegt und angenommen wurde, ab ("Tagebuch", S.531-535).
27. Tagebuch, S.348.
28. Vgl. S.5 und Anm.14.

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Argument für die bisherige Kirchenpolitik einsetzt: "Dies [Die Aufgabe, die völkische Art zu schützen] hat unsere Kirche als eine ihrer großen Aufgaben neben der Verkündigung des Evangeliums immer angesehen und kann davon nicht lassen, wenn sie nicht eine ihr aus dem Evangelium der Liebe und aus dem Bekenntnis zum ersten Glaubensartikel „Von der Schöpfung" gewiesene Pflicht versäumen will. Sie hat das Volk nicht nur gegen Gefährdung der Volksart, somit gegenüber allen  E n t n a t i o n a l i s i e-
r u n g sversuchen  mitzuschützen, sondern auch dafür zu sorgen, daß die Volksgesundheit vor Schädigungen bewahrt und nach Tunlichkeit gefördert wird"29.

Staedel klammert gerade die Aussagen aus, die seinem Deutsche- Christen"-Gehabe widersprechen: die Verkündigung des Evangeliums der Liebe und der Offenbarung Gottes in der Schöpfung und in Christus30. Die Aussage von Glondys belegt unmißverständlich die Priorität christlicher Verkündigung, die sekundiert wird durch Bemühungen um die Volks- gesundheit zwecks Erhaltung der völkischen Art gegen Entnationalisie- rungsversuche ("Dies [Die Aufgabe, die völkische Art zu schützen] hat unsere Kirche als eine ihrer großen Aufgaben neben der Verkündigung des Evangeliums immer angesehen ...“ (u.U.)).

Die von Glondys reklamierte Reinerhaltung völkischer Art ist also mitnichten antisemitisch oder ideologisch begründet, während es Staedel in Verbin- dung mit dem "Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses [...]" um "die Frage nach der Geltung des Alten Testamentes, besonders des jüdischen Gesetzes für unsere Sittlichkeit, für den Religionsunterricht und als Richtschnur (Kanon) des Glaubens, somit als 'Heilige Schrift' [....]"31 und um "das Judenproblem in seiner ganzen Tragweite und seiner umfassenden Bedeutung" aus nationalsozialistischen und staastpolitischen Erwägungen ging32.

Glondys hat gegen diese "verpolitisierte" Theologie als Bischof und auch danach konsequent angekämpft. Am 17. November 1943 erklärte er Heckel, Oberkonsistorialrat und Vertreter des reichsdeutschen kirchlichen Außen- amtes, Heft 2 der „Schriftenreihe"33  des von Bischof Staedel und dem Landeskonsistorium gegründeten "Instituts“ in seinen Kampf um die Verteidigung der "zentralen Frage der Kirche, um die Verkündigung im lutherisch-reformatorischen Sinne"34  einzubeziehen35.

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29.  Wie Anm.14.
30.  Die Deutschen Christen lehnten dieses universalistische Offenbarungsverständnis ab und proklamierten eine geschichtsimmanente, völkisch (rassisch-nationalistisch) verbrämte Offenbarung. In dieser Sichtweise war auch Adolf Hitler und das durch ihn personalisierte Führertum eine göttliche Offenbarung. Die von der Bekennenden Kirche 1934 abgegebene "Barmer Theologische Erklärung" lehnte die Ansicht der Deutschen Christen ab, daß Gott den Menschen durch die deutsche Geschichte eine neue Botschaft zukommen lasse (Ericksen (wie Anm. 8), S.124,140); ferner, daß jeder Versuch, deutsche Geschichte mit einer heiligen Offenbarung gleichzusetzen oder in den Ereignissen von 1933 Gottes Ruf an die Kirche zu sehen, gefährliche Häresie sei; sie betonten, daß Gott sich den Menschen nur durch Christus offenbare (Ericksen, S.124).
31.  Das ist die Sichtweise der deutschen Christen, die das Alte Testament als 'jüdisch' ablehnten (Vgl. Anm.25).
32.  Wie Anm.26, S.535.
33.  Es handelt sich um Andreas Scheiner, "Das Dogma der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien. Ein Vorwort von A.Sch." (Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft des Instituts zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben in der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien), Sibiu-Hermannstadt, 1942.
34. "Tagebuch", S.377.
35. Glondys' Abwehrschrift "Nationalkirchlicher Angriff gegen das Dogma der evang. Landeskirche A.B. in Rumänien. Ein Wort der Abwehr", erschien wegen Zensurverhinderung schließllich im Dezember 1944, obwohl sie bereits im Mai 1943 abgeschlossen war (Vgl. "Tagebuch", Eintragung vom 27. Mai 1943 (S.357)).

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Glondys wandte sich am 9. Oktober 1944, nachdem er die Geschäfte des Bischofs wieder kurze Zeit übernahm, in einem Hirtenbrief36
vehement gegen das "Gesamtabkommen" zwischen der Volksgruppen- führung und der Landeskirche (11. August 1942), "worin gleich der erste Satz eine für einen evangelischen Christen gotteslästerliche Herabsetzung Christi enthält, indem unser Heiland mit seinem Wort hinter die von dieser sogenannten Volksgruppenführung vertretenen Grundsätze gestellt wird. Christus hatte also zu schweigen, wenn es der Volksgruppenführung so paßte. Das Christentum sollte nicht mehr uneingeschränkt verkündigt werden dürfen, sondern nur so weit es dem von der Volksführung als Maßstab aufgestellten, in keiner Weise näher bezeichneten "Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse" nicht widersprach. Das bedeutete: Dem Heiland sollte der Mund verbunden sein, wenn sein Wort nach der Meinung der Volksgruppenführung in Widerspruch zum germanischen Sittlichkeitsgefühl trat"37. Diesen konsequenten Standpunkt vertrat Glondys auch im Jahr 1947 im Rahmen seiner Auseinandersetzungen mit dem damaligen Bischof Friedrich Müller38. Hier kommt abermals klar zum Ausdruck, daß Glondys aufgrund seines mit Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und der Bekennenden Kirche verwandten Christentumsbegriffes weder Rassist noch Antisemit war.

Dafür spricht shließlich auch seine starke Verwurzelung im Weltprotestan- tismus und im Weltluthertum39. Glondys betonte wiederholt vor den Gremien des Weltprotestantismus die volksmissionarischen Aufgaben der ev. Landeskirche A.B. in Rumänien, womit er um Verständnis für die Besonderheit des rumäniendeutschen Volkskirchentums warb. Durch seine aktive Teilnahme an internationalen Konferenzen des Weltprotestantentums band er seine Kirche in die ökumenische Bewegung und Arbeit ein. Die erfolgreich betriebene Weltöffnung seiner Kirche wurde Glondys von seinen Gegnern, ob Nationalsozialisten oder im Autochthonismus verklemmten Amtskollegen, verständlicherweise verübelt40.

Bischof Glondys stand der ev. Landeskirche A.B. in Rumänien in einer stürmischen Zeit vor, als sich innen- und außenpolitische Ereignisse überschlugen. Er trat konsequent für die theologische und politische Eigenständigkeit der ihm anvertrauten Kirche ein, doch der überwältigende Druck, der aus den Reihen der Kirche selbst, von der Landespolitik und der auslandsdeutschen Politik des Nazireiches einprasselte, zermürbte ihn schließlich, so daß er dem nationalsozialistischen Bischof Staedel das Feld räumen mußte. Unsere Ausführungen weisen nach, daß die von Glondys gelegentlich eingesetzten Vokabeln rassisch-rassistischer Konnotation keinen antisemitischen Unterton hatten. Sie sollten auf seine nationalsozia- listischen Gegener beschwichtigend wirken (wir nennen das einen "verbalen Kompromiß"). Er band diese Termini in den mit Mitteln der sogenannten 'Volkshygiene' geführten Abwehrkampf der Siebenbürger Sachsen und der Kirche gegen die Entnationalisierung ein. Das ist das mindeste Zugeständnis, das er dem autochthonen Nationalsozialismus machte*.

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36.  Abgedruckt in: Bischof Friedrich Müller, "Erinnerungen. Zum Weg der siebenbürgisch-sächsischen Kirche 1944-1964", bearbeietet von Hannelore Baier (Schriften zur Landeskunde Siebenbürgens, Bd.17), Köln Weimar Wien 1995, Beilage I, 3a, S.208-212.
37. Ebenda, S.210. Die von Glondys inkriminierte Stelle im "Gesamtabkommen" lautet: "1. Im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung sichert die Volksgruppenführung wie den übrigen Bekenntnissen innerhalb der Volksgruppe so auch der ev. Landeskirche A.B. in Rumänien die Freiheit ihres religiösen Bekenntnisses und damit der christlichen Verkündigung im Sinne der Augustana für alle kirchlich-religiösen Veranstaltungen und Einrichtungen sowie für das gesamte kirchliche Schrifttum zu, soweit nicht - unter Mißbrauch dieser Freiheit - der Bestand der Volksgruppe gefährdet oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen wird." (J. Böhm, "Tagebuch", Anhang Nr.11, S.536).
38. Dokumentiert im "Tagebuch", S.488-490, 493, 499 und Bischof Friedrich Müller, "Erinnerungen" (wie Anm.36), vor allem Anhang I, Beilage 18, S,.362-414.
39. Dazu Beyer (wie Anm. 3), S. 437f., 447. Stellungnahmen von Glondys zu diesem Problemkreis in "Zur Lage der Volkskirche der Siebenbürger Sachsen" (wie Anm.11, S.29); "Zur Gegenwartslage unserer Landeskirche" (wie Anm.14, S.342f.).
40. Alles, was diesen Leuten "international" oder "internationalistisch" dünkte, wurde mit Argwohn betrachtet und verteufelt.
Zumindest bis zum Eintritt in die nazistische NAF (Nationale Arbeitsfront) im März 1939. Die Meinungen über diesen Schritt von Glondys gehen auseinander. Die Erörterung dieser Frage soll unterbleiben, weil sie den Rahmen unserer Untersuchung überschreitet.


[Mit geringfügigen Formulierungsänderungen erschienen in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, 10. Jg., Heft Nr. 1, Mai 1998, S.37-45].

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Die Belege häufen sich


 


Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" bringt in der Ausgabe Nr. 47/18.11.96 zum Thema des Holocaust den Beitrag "Geheime Reichssache. Freigegebene Abhörprotokolle der Briten belegen: London wußte schon früh vom Beginn der Judenvernichtung - und schwieg" (S. 112 und 114). Die Dokumente bestätigen laut "Spiegel" Forschungen, nach denen vor allem die SS- und Polizeieinheitend den Massenmord begingen, was auch Stefan Mazgareanu im oben diskutierten Aufsatz nahezulegen versucht. Den ersten großen Mordauftrag erledigten die Polizisten Hitlers am 27. Juni 1941 in Bialystok. Die Bilanz: über 2000 Tote. Der "Spiegel schreibt hier- zu: "... die Polizisten waren keineswegs kampfgewohnt, sondern meist schlecht ausgebildet oder untauglich für den Fronteinsatz. Vielen war ein unbewaffneter Jude als Gegener zudem lieber als ein Sowjetsoldat. Also mordeten sie um ihr Leben". Britische Abhörexperten haben knapp 2000 Funksprüche der Polizeiführer in Rußland ab dem 18. Juli 1941 aufgefangen und entschlüsselt, doch ihre Befunde blieben streng geheim. Am 13. Oktober 1941 wurde den drei Höheren SS- und Polizeiführern der Besatzungszonen in Rußland verordnet, "Mitteilungen, die als geheime Reichssache besonderer Geheimhaltung bedürfen", nicht mehr zu funken. Damit bricht die genaue Bezugnahme auf die Anzahl der erschossenen Juden und Partisanenangehörige ab. Der amerikanische Historiker Richard Breitmann untersucht zur Zeit das überlieferte Material. Er hat die Funksprüche, die den Beginn des Holocaust im Telegramm protokollieren, publik gemacht. Wir wiedergeben den Wortlaut des entschlüsselten Funkspruchs, den der "Spiegel" abbildet: Unter Punkt 2 werden folgende Tätigkeiten der Polizei- bataillone vom 27.8.1941 gemeldet: 1. SS Brigade: Brigade erreicht bei Säuberungsaktionen nördlich Rollbahn Korosten-Bialokurowicze die allgemeine Linie Michailowka...; Unter Punkt 3 werden Erfolge aufgezählt: 1. SS Brigade macht 99 Gefangene und erschießt 16 Juden und Partisanen- angehörige; Rgt. Süd greift 22 ehemalige Kriegsgefangene auf und erschießt 914 Juden; Sonderaktionsstab mit Pol.Batl. (Polizei Bataillon) 320: 4200 Juden erschossen. Ob nun an solchen Aufgreifungs-, Säuberungs- und Erschießungsaktionen auch Siebenbürger Sachsen teilgenommen haben, läßt sich durch die über- lieferten Funksprüche direkt nicht belegen. Wenn nun die Mitgliederlisten der einzelnen SS- und Polizeieinheiten bekannt wären, dann könnten die jeweiligen Siebenbürger Sachsen, die an solchen Aktionen beteiligt waren, wenigstens namentlich gemacht werden. Damit dürfte die massivedischen Beteiligung von siebenbuergisch-saechsischen SS- und Polizeimännern an Holocaust-Operationen auf die Dauer des Rußlandfeldzuges zweifelsfrei erbracht sein.
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Ernst Klee
Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer
S. Fischer, Frankfurt a.M., 1997

© Klaus Popa 1997

Das Buch ist in mehrfacher Weise für die Beteiligung der Rumäniendeutschen Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen) am Holocaust aufschlußreich. Außer den bereits bekannten Namen Dr. Victor Capesius und Dr. Fritz Klein, die in Auschwitz tätig waren, ließen sich die Namen von weiteren zwei siebenbürgisch-sächsischen Ärzten und einem (möglicherweise) banat-schwäbi- schen Arzt identifizieren. Unter den 266 Arzten, die in Konzentrationslagern tätig waren (die Aufstellung von Ernst Klee auf S. 49-59) figurieren unter Nr. 167 (S.55): Orendi,Benno, in Sachsenhausen tätig, am 17.9.1948 in Hameln hingerichtet; unter Nr. 266 (S.59) Zerbes,Otmar Martin, SS-Zahnarzt in  Kaufering (ein aus insgesamt 12 Lagern bestehender Nebenlagerkomplex des KZ  Dachau [Vgl. Gudrun Schwarz, Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt  a.M.1997, S.187f.].Das Identifi-ationsargument lieferten die nur in Siebenbürgen  anzutreffenden Nachnamensformen 'Orendi' und 'Zerbes'. Als Banater Schwabe dürfte Dr. Friedrich Stumpfl einzustufen sein. Er war nicht in KZs beschäftigt, er unternahm aber als Kriminalbiologe, unternahm aber als Kriminalbiologe, Erbcharakterologe und Psychopathenforscher mit Unterstützung der Deutschen Forschungs Gemeinschaft 1937/38  familienbiologische Untersuchungen an 60 Sippen in Marienfeld (Banat). Im Überblick über die vom Reichforschungsrat unterstützten wissenschaftlichen Arbeiten unter Beifügung der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf den  geisteswissenschaftlichen Gebieten geförderten Arbeiten, Jg.38/39,III. Heft, S.97 gibt er als Forschungsprojekte an: "Psychopathenzwillingsforschung", "Charakterologische Familienuntersuchung an 60 Weinbauernsippen", "Sittlichkeitsverbrecherzwillinge". Nach dem Krieg wurde Stumpfl Universitäts- professor in Innsbruck. Klees Buch liefert neue, der siebenbürgisch-sächsischen Forschung unbekannte Einzelheiten über Fritz Klein und Victor Capesius. Aussagen von Betroffenen im Auschwitz-Verfahren (1959, 1960, 1961 und 1962), im Mengele-Verfahren (1967) und Angaben in den Auschwitz-Heften (1987) beschreiben Dr. Fritz Klein als schlechten Sprecher der deutschen Sprache (die Aussage stammt von einem Binnendeutschen), doch er sprach perfekt Ungarisch. Klein zeigte anfangs menschliche Umgangsformen. Er machte in den ersten Tagen  den Eindruck,selbst nicht genau zu wissen, wo er sich befand.Er wollte sich zumindest für die älteren Kranken um einen Platz unter menschlicheren  Bedingungen kümmern. Doch schon am nächsten Tag verhielt er sich im SS-Sinn richtig und nahm dann auch an den Selektionen teil. Als die Häftlingsärztin Ella Lingens Klein fragte, wie er seine Selektionstätigkeit mit dem  Hippokratischen Eid vereinbaren könne, antwortete er, er schneide aus Achtung vor dem menschlichen Leben einen vereiterten Blinddarm heraus, "die  Juden sind der vereiterte Blinddarm am Körper Europas". (S.405f.). Aus Samuel Stern, Die Schrecken von Auschwitz. Internationaler Suchdienst  Arolsen: Pseudo-medizinische Versuche im KL Auschwitz, PhlegmoneVersuche,  15.5.1973,Anlage I, ist zu erfahren, daß Dr. Fritz Klein am 23.August 1944 mit den ersten 20 Versuchspersonen im Block 28 erschien (S.205f.). Aus dieser Information ist zu entnehmen,daß Klein außer den Selektionen an den Rampen des KZs auch Selektionen für Versuchsreihen, die in Auschwitz durchgeführt wurden. Aus der Ärzteliste von Klee ist zu entnehmen, daß Klein nicht nur in Auschwitz, sondern auch in Neuengamme und Bergen-Belsen war und am 13.12.1945 in Hameln hingerichtet wurde (Nr.113, S.53). Außer der Selektion an der Rampe (S.417) war Victor Capesius auch an der  Vergasung und am Krematoriumsbetrieb beteiligt (Die Vorschriften der Selektion besagten, daß jeweils zwei Ärzte bei Ankunft eines Transportes Dienst hatten: der eine hatte Rampendienst, der andere beaufsichtigte Vergasung und Krematorium) (S.416). Weil hinter jedem Transport von Menschen, die in die   Gaskammern getrieben wurden, ein Sanitätsauto mit den Zeichen des Roten Kreuzes fuhr, in dem der diensthabende Arzt zur Gaskammer gebracht  wurde -  in diesem Fahrzeug wurde auch das bei der Menschenvernichtung eingesetzte Zyklon transportiert - (S.417), steht die Aussage von Vera Alexander vom  3.5.1963, Lagerapotheker Capesius habe ihr bei einer Erkrankung gesagt, er  sei bereit, sie in seinem Wagen ins "Schonungslager" zu bringen, womit er die Gaskammer meinte (S.426f.) im Zusammenhang mit Capesius' Dienst bei der  Gaskammer und dem Krematorium. So wird Capesius auch den "Desinfektoren" das das Zeichen gegeben haben, die Vergasung einzuleiten,ebenso das Zeichen, die  Gaskammer wieder zu öffnen.Bekanntlich war Capesius Vertreter der I.G.-Farben in Rumänien und dieser dienstlichen Verbindung ist es wohl zuzuschreiben, daß er in Auschwitz Lagerapotheker wurde. Er war zweifelsohne mit Flottenarzt  Heinrich Ruge bekannt, der von April 1941 bis Mai 1943 Beratender Hygieniker  beim deutschen Luftflottenarzt in Rumänien war (S.343). Dr. Ruge schickte dem in Buchenwald eingerichteten Hygiene-Institut der Waffen-SS  Impfstoff,  der aus Hundelungen nach dem von Cambiescu und Zotta hergestellt wurde (Hersteller: Cantacuzino Bukarest), der im August 1942 an 20 Versuchspersonen eingesetzt wurde (S.325.). Es obliegt der Forschung, die Aufenthaltszeit des Dr. Ruge in Rumänien zu durchleuchten und auch die mögliche Verstrickung des Medizinischen  Instituts Cantacuzino in Bukarest in weitere KZ-Versuchsreihen herauszustellen. Wenn Capesius und Ruge in Rumänien enge Kontakte pflegten, was ziemlich   wahrscheinlich ist, so darf angenommen werden, daß Capesius etwa zu dem Zeitpunkt in Auschwitz seinen Dienst antrat, als Ruge Rumänien verließ - (Mai 1943). Doch Capesius kam an der Rampe und bei der Gaskammer erst seit dem Frühjahr 1944 in Verwendung, als der Standortarzt Dr. Wirths sich trotz   der Aufstockung des Personals mit Dr. Thilo und Dr. Klein genötigt sah, auch die anderen im Lagerbereich tätigen Sanitätsleiter (Zahnärzte,Apotheker)  zum Selektionsdienst einzuteilen (S.416). Der im Frühjahr 1944 in Dienst genommene Lagerarzt Klein wurde folglich sofort dem Selektionsdienst zugeteilt.  Daher die ihm von einer Häftlingsärztin bescheinigten unzähligen und rücksichtslosen Selektionen (S.406). Gehe zu TOP



Luzian Geier, Augsburg

Dürfte kein Banater sein!

Zur Rezension von Klaus Popa "Weiteres Diskussionsmaterial zum Thema Holocaust" in der KR vom 14. Februar 1998, Seite 3

Entweder man weiß es, oder man weiß es nicht! Allein auf Grund des Namens Stumpfl den Schluß zu ziehen, daß dieser Banater Schwabe gewesen sein dürfte, reicht nicht, vor allem nicht in diesem Kontext. Es gab im Banat den Namen Stumpf (z.B. in Billed, Liebling) und früher in Temeswar Stumpfoll, aber m.W. nicht Stumpfl. Dr. Friedrich Stumpfl taucht auch in keinem Banater Nachschlagewerk zu Mediingeschichte auf, im biographischen Lexikon von Dr. A(n)ton P. Petri ist auch kein Hochschullehrer unter diesem Namen zu finden. Die mit Stumpfl in Verbindung angeführten Untersuchungen in Marienfeld wurde bereits Anfang der 30er Jahre begonnen, es ging um eine vergleichende Studie mit einem etwa gleich großen Dorf in Kärnten und die Sache hatte ursprünglich kaum etwas mit der späteren Nazi-Rassenlehre zu tun. Einer der Leiter, Dr. Ceyer, kein Banater, legte seine Ergebnisse noch vor Kriegsausbruch auf einer wissenschaftlichen Tagung in England vor. Bei den Untersuchun- gen in Marienfeld - das wurde vor Ort nicht so deutlich gesagt - sollten vor allem Inzuchterscheinungen ermittelt werden. An den mehrjäh- rigen Vermessungen und statistischen Erfassungen beteiligten sich auch mehrere Studenten aus Deutschland, Österreich, Sieben- bürgen (so der spätere Prof. Dr. Carl Göllner) und Banat, die in Deutschöand studierten. Ein großer Teil der Originalunterlagen zu den Erforschungen in der Winzergemeinde Marienfeld sind erhalten, auch die Todesdokumentation, und liegen in Wien vor. Gehe zu TOP


Der "entlastende Vergleich" als Muster der Geschichtforschung


    Cornelius R. Zachs Aufsatz Totalitäre Bewegungen in der Zischenkriegszeit: Rumänen und Deutsche in Rumänien. Voraussetzungen, Ähnlichkeiten und Unterschiede (in: Rumänien im Brennpunkt (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks, Reihe B: Wissenschaftliche Arbeiten, Bd.83) München 1998, S.135-151) ist das jüngste Beispiel für die unzulängliche, zuweilen wiedersprüchliche Weise, in der die Repräsentanten der siebenbürgisch-sächsischen Zeitgeschichtsforschung die Zeitspanne 1933-1944 behandeln. R.Zachs Text liefert ausgezeichnetes Belegmaterial dafür, wie eine durch Vorbehalte und Vorurteile gegängelte Geschichtsschreibung
funktioniert - bzw, nicht funktioniert. Es geht Zach in erster Linie darum, die Verbreitung des nationalsozialistischen Gedankenguts und Gebarens nur insoweit zuzugeben, als das sein vorgefaßter Standpunkt zuläßt.
    So fällt es auf, daß das Wort "Nationalsozialismus" erst auf der 6. Aufsatzseite auftaucht (S.140), dann auch nur in Verbindung mit der radikalen Gruppe der DVR, sodaß der Leser erst auf der 13. Seite (S.147) erfährt, daß die "Fabritianer" in ihrem Programm von 1933 von "Rassenhygiene" sprechen, die "im nationalsozialistischen Sinne" zu verstehen ist. Kenner jener Ereignisse werden gleich wissen, daß es sich um die "Erneuerungsbewegung" des Fritz Fabritius handelt, deren Gebaren Zach aber bis zu genannten Stelle nicht explizit als nationalsozialistisch benennt.
    Ähnlich verfährt Zach auch mit Bischof Staedel, der bekanntlich ein fanatischer Nationalsozialist war. Auf S.146 heißt es, Staedel sei dem Nationalsozialismus nahegestanden, auf S.148 heißt es dann, Staedel war "ein überzeugter Nationalsozialist". Diese Inkonsequenz der Aussagen erweckt den Eindruck, daß Zach sein Forschungsobjekt entweder nicht ausreichend beherrscht, oder, daß er sich nicht festlegen will, wo der nationalsozialistische Charakter der "Erneuerungsbewegung" unter Fritz Fabritius bereits in ihrer Form als "Selbsthilfe" erwiesen ist (Vgl. Dr. Johann Böhm, Die Deutschen in Rumänien und die Weimarer Republik, Ippesheim 1993, Anhang Nr.6, Nr.8. Daß Zach keine der aufschlußreichen Arbeiten Böhms heranzieht, ist symptomatisch für die ausweichlerische Tendenz seines Aufsatzes).
    Ebenfalls im Sinne der zaghaften Einsetzung von "nationalsozialistisch" ist die vollkommen unzutreffende Benutzung des Begriffs "faschistisch": die "faschistische Erneuerungsbewegung" (S.135) oder "faschistische Züge" (S.139) in Verbindung mit dem nationalsozialistischen Treiben der Rumäniendeutschen. Sollte Zach der Unterschied zwischen italienischem Faschismus und deutschem Nationalsozialismus verborgen geblieben sein?
    Charakteristisch ist auch die Eilfertigkeit, mit der Zach Themenschwerpunkte
abhandelt: der Titel seines Aufsatzes meldet doch das Totalitäre der Bewegungen in der rumänischen Zwischenkriegszeit, die Voraussetzungen, Ähnlichkeiten und Unterschiede an, doch über das Programm der siebenbürgischen Selbsthilfe (1929) heißt es lediglich, es sei dürftig und ideenarm, worauf der Wortlaut dreier Programmpunkte folgt, aber unter Aussparung einer Erklärung der Wendung "Zinsnehmen (ist) unsittlich", undeutsch" (S.143).
    Bei der Aufzählung der militanten Vorgehensweisen der rumänischen und deutschen Rechten übersieht Zach die bei den Siebenbürger Sachsen besonders ausgeprägten Rufmordkampagnen gegen ihre demokratisch gesinnten Gegner in ihren und ihnen zugetanen Presseorganen.
    Zach stellt gelegentlich überaus fragwürdige Behauptungen auf, so beispielsweise, daß "die deutsche Jugend Rumäniens in der Schule offiziell für kurze Zeit" nur "vor dem Ende des Nationalsozialismus in diesem Sinne (des Nationalsozialismus) beeinflußt" wurde (S.143). Kein Wort über die nationalistisch orientierte Jugendbewegung des "Wandervogels", die bereits in den endzwanziger Jahren betont nationalsozialistisch agierte (so kann es kein Zufall sein, daß gerade der aus der Wandervogelbewegung kommende Alfred Bonfert 1935 der erste Mann der nazistischen DVR war); kein Wort über die in beträchtlichem Maße vom Bazillus des Nationalsozialismus infizierte
siebenbürgisch-sächsische Lehrerschaft, ebenso kein Wort über die zahlreichen Anhänger des Nationalsozialismus in der Pfarrerschaft, hingegen die einseitige Punktierung der Nähe zwischen der rumänischen Legionärsbewegung und dem orthodoxen Klerus (S.147f.).
    Auch das beliebte Argument, die siebenbürgisch-sächsischen Radikalen seien zum Unterschied ihrer rumänischen Gesinnungsgenossen durch keinen Mord aufgefallen, dient ausschließlich der Verharmlosung des Nazitreibens bei den Siebenbürger Sachsen.
    Den Führerkult bringt Zach nur mit Fritz Fabritius in Zusammenhang, was den Tatsachen nicht entspricht. Fabritius soll laut Zach bis 1938 vom Deutschen Reich unabhängig gewesen sein (alles S.145), was nur bedingt stimmt, weil das gefährliche Führerprinzip von den Nazis unter Bonfert konsequent durchgezogen wurde und beide Seiten, vor allem aber die Radikalen, von verschiedenen deutschen Stellen finanziell unterstützt wurden.
    Fehlende Sachkenntnis belegt die Kommentierung der antisemitischen Maßnahmen der Volksgruppe im Jahre 1941. Es ist kärglich, sie lediglich auf die Sündenbock-Mentalität zurückzuführen (S.146), ohne die Beziehung zu den Deutschen Christen herzustellen.
    Ebenfalls auf Sachunkenntnis oder auf Verharmlosung ist Zachs Behauptung aufgebaut, "Die Legion" habe "in ihrer Ideologie einen irrationalen, fanatischen Zug" besessen, "der bei den deutschen "Erneuerern" fehlte. Ebenso abenteuerlich ist die Begründung, die Zach für die "Anständigkeit" der siebenbürgisch-sächsischen Nationalsozialisten liefert: diese hatten eine "klare Ordnung einer deutschen Organisation", während die Legion hysterische, "an Fieberanfälle grenzende Handlungskette(n)" aufzeigte (S.149).
    Gewissermaßen als Abschwächung der bisher konsequent durchgezogenen Verharmlosung der nationalsozialistischen Fehltritte der Siebenbg. Sachsen ist die abschließende Feststellung Zachs einzustufen, daß es unter den Prominenten Rumäneindeutschen "keine konsequenten Gegner des Nationalsozialismus" gab, außer Bischof Glondys (S.149). Viel zu dürftig fällt auch die Erklärung aus, warum die totalitären Organisationen der Rumänen und Deutschen scheiterten: "weil ihre Antworten auf Fragen der Zeit irrational und ineffizient waren" (S.150).
    Dieser Text hinterläßt den fahlen Nachgeschmack, daß der  Vergleich zwischen der rumänischen und der deutschen totalitären Bewegung dem Verfasser nur als Vorwand dient, um die letztere zu verharmlosen und schönzufärben.

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An dicken Wänden gekratzt
Tagung der Evangelischen Akademie Siebenbürgen zum Thema des Verhältnisses
von Juden und Deutschen

von Hannelore Baier


 


"Die damals geschehenen Ereignisse (gemeint sind jene vor und während des Zweiten Weltkrieges - Anm. der Verf.) werden uns in dem Maß immer noch belasten, in dem wir uns der Ausein- andersetzung mit ihnen nicht stellen". In diesem, das Tagungs- Programm begleitenden Text, wird eine Belastung - auf rumänien- deutscher/siebenbürgisch-sächsischer Seite - und die Tatsache, daß man sich einer Auseinandersetzung bisher nicht gestellt hat, zugegeben. Die am vergangenen Wochenende (7.- 8. November) von der Evangelischen Akademie Siebenbürgen in Hermannstadt zum Verhältnis von Juden und Deutschen in Rumänien veranstal- tete Tagung  hat dieses Thema erstmals öffentlich aufgenommen. Die zahlreiche (rund 70 Personen) und rege Beteiligung ist ein Zeichen dafür, daß Interesse und Bereitschaft, sich mit den Er- eignissen auseinanderzusetzen, bestehen. Die Veranstaltung bot jedoch nicht bloß Gelegenheit zur Diskussion - wobei an den dicken Wänden dieser Nachbarschaft tüchtig gekratzt wurde - sondern auch, um einige der immensen Informationslücken über das Judentum zu verringern. Ihre persönliche Auseinandersetzung  mit dem Thema im Genre Literatur gaben die Pfarrer Eginald Schlattner, Siegfried Schullerus und Walter Seidner in Lesungen wider. Ausgangspunkt der Veranstaltung war das Buch "Zerbrochene Nachbarschaft" der aus dem Banat stammenden Historikerin Dr. Hildrun Glass, in dem sie dem deutsch-jüdischen Verhältnis im Rumänien der Jahre 1918 - 1938 nachgeht. Bei der Tagung stellte die nun in München lebende Wissenschaffierin ihre Forschungs- ergebnisse kurz vor, die insbesondere die politischen Bezieh- ungen zwischen deutscher und jüdischer Minderheit beinhalten. In den politischen Organisationen der Rumäniendeutschen wurde die Politik von sächsischen Politikern bestimmt und gemacht. Die begrüßten 1933 Hitlers Machtergreifung, gaben die Rechts- standpunkte nach und nach auf und stützten sich auf die Macht Deutschlands. Der bis dahin latente Antisemitismus wurde virulent und bleibt, wie die von Hildrun Glass zitierte Korres- pondenz zwischen Emil Neugeboren und dem zionistisch tätigen Publizisten Mayer Ebner verdeutlichte, selbst nach Kriegsende manifest: Neugeboren verwendet 1946 in einem Schreiben an Ebner, der ihn in einem am 2. Mai 1945 verfaßten Brief gar nicht triumphierend als ,,Leidensgenossen, wenn auch mit entge- gengesetztem Vorzeichen" angesprochen hatte, immer noch den Begriff ,,Rassengegner". ,,Anstöße zum Weiterdenken", wobei das Thema der zerbrochenen Nachbarschaft aufgrund einer mentali- tätsgeschichtlichen und sodann theologischen und ekklesiolo- gischen Vertiefung weiter verfolgt werden sollte, brachte die Kirchenhistorikerin Cornelia Schlarb (Marburg/Großau) in ihrem darauffolgenden Referat.

 Daß der Antisemitismus bei der sächsischen Elite bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht, bewies die Soziologin Nadia Badrus (Hermannstadt), die über bei den Sachsen vorhandenen Stereo- typen die Juden betreffend sprach. Die von ihr angeführten anti- semitischen Zitate von St. L. Roth lösten (selbstverständlich) Erklärungsversuche aus, die andere Gesprächsteilnehmer jedoch abwehrten. In der Debatte wurde deutlich, daß die Juden Opfer unserer Geschichts- und Religionsinterpretationen bzw. wirt- schaftlichen Regelungen waren, jedoch zu Sündenböken und Tä- tern gestempelt wurden. Man machte sie für den Tod Jesus verant- wortlich - und unternahm Kreuzzüge gegen sie, eine Zeit, in der es in Deutschland die ersten Judenmorde gegeben hat. Ihnen wurde der Landbesitz verboten, also konnten sie keine Bauern werden, doch warf man ihnen vor, daß sie Kaufleute sind. Sie nehmen sich im Mittelalter dem von Christen als ,,schmutzig" betrachteten Geldgeschäft an und werden dann deswegen verur- teilt. Sie erhalten keine Bürgerrechte. 1850 ist ihnen ein Niederlassen in Hermannstadt z.B. nicht gestattet -, die Aus- grenzung und verhinderte Integration setzt man jedoch ihnen als Stigma auf. Als ,,Teil ihrer europäischen Kultur", der sie zugehörten, bezeichnete der in Kronstadt geborene und in Budapest lebende Zeithistoriker Rudolf Fischer, den Antisemitismus der Siebenbürger Sachsen. Fischer konnte aus Krankheitsgründen, wie auch Prof. Dr. Andrei Corbea-Hoisie aus Jassy, an der Tagung nicht teilnehmen, hatte aber seinen Bei- trag gesandt und den las Akademie-Studienleiterin Dorothea Koch-Möckel vor. Er stellte die (rhetorische) Frage: ,,Ist es nicht eine Zumutung von einem Juden zu verlangen, sich an schöne, in Eintracht verbrachte Zeiten zu erinnern, ohne die ganze Zeit daran zu denken, was seine Klassenkameraden mögli- cherweise als Mitglieder der Waffen-SS getan haben?" Und: Hat es überhaupt einen Sinn, über Wissen oder Nicht-Wissen über Auschwitz zu diskutieren, wenn in jenen Jahren nicht protes- tiert worden ist, als lauthals ,,Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, geht's uns nochmal so gut" gejohlt wurde?

 Für die beiden fehlenden Referenten sprang der geschichts- und theologiebewanderte Professor für Verfassungsrecht an der TH Darmstadt, Dr. Axel Azzola ein und trug wesentlich zur Klä- rung der Informationsdefizite und Begriffe über Judentum und Antisemitismus bei. Er erläuterte, daß es außerhalb Israels drei Möglichkeiten jüdischer Identität gibt: die religiöse (Deutscher, Rumäne mosaischen Glaubens), die nationale - wobei die Juden in Europa die letzten waren, die eine eigene Nationali- tät ansprachen, denn der erste Zionisten-Kongreß fand erst vor 100 Jahren statt, zu einer Zeit, da alle anderen Völker zu ihrer ethnisch geprägten Nation bereits gefunden hatten - und die Identitat der Schicksalsgemeinschaft infolge des Holo- caust. Auf die Frage nach dem Import des Antisemitismus in Siebenbürgen - eine These, die von zahlreichen Historikern ver- treten wird - sagte Dr. Azzola, daß es zum Import auch einer ,,Annahmeerklärung bedarf. Die haben die Siebenbürger Sachsen 1780 der Aufklärung z.B. nicht erteilt und ebensowenig später dem Marxismus. Anhand von Zitaten aus unserem Jahr- hundert ging er auf den völkischen Antisemitismus ein und ,,be- dauerte die Art, in der die Siebenbürger Sachsen bisher (im Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde) mit der Betei- ligung von Sachsen am Holocaust umgegangen sind, aufs heftig- ste. (Der aus dem Burzenland stammende Dr. Fritz Theil [richtig sollte es ‘Klein’ heißen (Anm. Klaus Popa)], Lagerarzt in den KZ Auschwitz und Bergen-Belsen, gehört zu den wenigen zum Tode verurteilten Kriegsverbrechern.) Auf einen weiteren ,,ange- nommenen Import, das 1941 in Hermannstadt von Bischof W. Staedel ins Leben gerufene ,,Institut zur Erforschung des jüdi- schen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" ging die Theologin Birgit Hamrich (Bistritz) im Schlußreferat der ein- einhalbtägigen Tagung ein.

 Das schmerzhafte Problem bleibt jedoch weiterhin, wie heute lebende Menschen mit dem, was vor 50 Jahren geschehen ist, umgehen. ,,Daß es Verführte und Motive zur Verführung gab, daß diese Verführung leider erst in Auschwitz endete und nicht vor- her, daß nicht jeder Antisemitismus nach Auschwitz führen muß, daß es aber ohne Antisemitismus kein Auschwitz gegeben hätte, ist klar. Wenn wir aber 50 Jahre danach nicht in der Lage sind, das Wirkliche als wirklich und das Unwirkliche als unwirk- lich zu benennen, dann ist das traurig," schloß Dr. Axel Azzola seinen Vortrag. Aus den dicken Wänden der deutsch-jüdischen Nachbarschaft - daß sie gekittet worden ist, zeigte die Teil- nahme von Vertretern der Hermannstädter sowie anderer jüdischen Gemeinden an der Tagung - müssen noch viele Steine freigelegt werden, ehe es zu einer echten Nachbarschaft kommen kann. (Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 5.Jg./Nr. 1239, Samstag, 15. November 1997, S.3)
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Wider das Vergessen
Holocaust-Informationsbüro in Hermannstadt eröffnet / Von Hannelore Baier (Januar 1998)

 


Am 27. Januar wurde in Hermannstadt das "Holocaust Compact Information Center" feierlich eröffnet. Das Datum war nicht dem Zufall über- lassen worden: Der 27.Januar ist der Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz. Die Eröffnungsfeier fand in der ,,Eule" statt. Im Dokumen- tations- und Informationsbüro selbst, das in einem Zimmerchen im Innen- hof des Hauses Nummer 43 in der Heltauergasse untergebracht ist, haben nur fünf Personen irgendwie Platz. Das Holocaust-Informations Zentrum ist ein Teilbereich der Tätigkeit der 1990 gegründeten regierungs- unabhängigen Organisation (NGO) ,Sibienii Pacifisti". Deren Vorsit- zender, Constantin Lacatus, hatte im September vergangenen Jahres, zusammen mit Vertretern von Stiftungen und Memorials aus mehreren Ländern, an einer Studienreise zur ,,Topographie des Terrors" teilge- nommen und mehrere Gedenkstätten des Nazi-Terrors in Deutschland besichtigt. Dabei wurde ihm gesagt und es wurde ihm bewußt, daß es in Rumänien keine Stelle gibt, wo Informationen über diese Jahre erhalten werden können. Mit besten Absichten ten und viel gutem Willen (leider aber geringen Vorkenntnissen gerade was die Gescheh- nisse in dieser Periode hierzulande und deren bisherige Erforschung angeht), beschloß er, das Holocaust-Informationsbüro zu gründen. An der Eröffnungsfeier nahmen u.a. der Konsul der Bundesrepublik Deutschland, Arnulf Braun, der Pressereferent des Konsulats, Harald Wetzlau, der Vorsitzende der Hermannstädter jüdischen Gemeinde, Misu Forschmitt, der Vorsitzende des Hermannstädter deutschen Forums, Kurt Klemens, sowie Vertreter des Germanistiklehrstuhls teil. Das Holocaust-Informationsbüro möchte, so Constantin Lacatus, diese ,,schwarze Periode" ins Bewußtsein der Menschen rücken und sich um die ,,objektive" Aufarbeitung und Informierung über die rumänische Beteiligung am braunen Terror bemühen. Zu diesem Zweck, so das verteilte Info-Blatt, sollen Dokumente und Zeugnisse aus dieser Zeit von möglichen Überlebenden oder ihren Familienangehörigen, von Zeitzeugen oder anderen Personen sowie Institutionen gesammelt, konserviert und ausgestellt werden. Vorgesehen ist das Anlegen einer Bibliothek, einer Audio- Videothek, das Veranstalten von Debatten, Seminaren, Konferenzen und Workshops sowie von Ausstellungen, die der Bekämpfung des Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gewidmet sind. Das Holocaust-Informationsbüro möchte auch eine Halbjahreszeitschrift unter dem Titel ,,Remember" herausgeben und mittels Faltblättern, Postern und anderen Drucksachen auf die Terrormaßnahmen und die physische Exterminierung von Juden und Roma, Kriegsgefangenen und Häftlingen, der Behinderten und Homosexuellen sowie Gegnern des Nazi-Regimes in der Zeitspanne 1933-1945 hinweisen. Sodann will man sich bemühen, Stipendien für Jugendiche, die am Studium dieser Thematik interessiert sind, zu erhalten. Ein mutiges und heikles Vorhaben, aber eine ,,Herausforderung" (im positivem Sinn), wie einer der Journalisten feststellte, wird dieses Zentrum sein. Zum einen wird die Beteiligung der rumänischen Behörden an Pogromen und der Deportation von Juden und Roma nach Transnistrien (wo 200.000-300.000 Menschen umkamen) in der rumänischen Öffentlichkeit immer noch abgestritten. Zum anderen bietet die Tatsache, daß die Juden aus Nordsieben- bürgen in der Zeit des Horthy-Regimes in die KZ verschickt wurden, einen Anlaß mehr, ,,den Ungarn" den Schwarzen Peter zuzuschieben. Ein heftiger Gegenwind, von nationalistischen Stereotypen und anti- semitischen Vorurteilen sowie im nationalkommunistischen Geschichts- unterricht erworbenen Kenntnissen so triefend, schlug Constantin Lacatus denn auch in der Diskussion enttgegen, die der feierlichen Eröffnung folgte. Von den Vertretern des Verbands der ehemali- gen politischen Häftlinge war etwas anderes nicht zu erwarten. Wenn aber ein Doktorand der Geschichte die Glaubwürdigkeit von - in Rumänien veröffentlichten - Dokumentensammlungen und Büchern zum Thema Judenverfolgung anzweifelt, weil sie nicht von ethnischen Rumänen herausgegeben bzw. verfaßt worden sind, ist das bestürzend. Und genau das, wovor Konsul Arnulf Braun gewarnt hatte - nichts an den Leidenerfahrungen zu relativieren und gegeneinander abzurechnen -, wurde in zahlreichen Diskussionsbeiträgen getan. Ein erstes Dokument stellte Misu Forschmitt dem Holocaust- Büro zur Verfügung: Es handelt sich um die Korrespondenz seiner Gattin mit Nicolae Nyiszli, einem aus Großwardein (Oradea) stammenden Arzt, der zwei Jahre lang der Assistent von Dr. Josef Mengele war und von den unter dessen Anleitung vorgenom- menen Experimenten an Menschen berichtet.
Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien/31. Januar 1998, S.3, "Meinung und Bericht"
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©Klaus Popa

So nah, so fremd. Heimatlegenden
"Dieses Land gehört nur erinnert zu mir"

Zu: Dieter Schlesak, So nah, so fremd. Heimatlegenden, AGK-Verlag,  Dinklage bei Vechta, 1995, 379 S., ISBN 3-928389-13-0.

Das Zentralthema dieses Buches ist der Heimatverlust, den der Verfasser über Literatur, Sprache und Gedächtnis überwinden möchte, indem er sich in der Sprache und dem "mit ihr eng verflochtenen Schatzhaus der Erinnernung" eine unverlierbare Heimat schafft ("Ein Wort voraus", S.6f.). Der durch den Heimatverlust entstandene "Bruch" wird wiederholt artikuliert. Einmal heißt er "Verrat der eigenen Tradition" (S.8), dann "Zeitbruch" (S.45), "Traditionsbruch" (S.59), "großer existen- tieller Bruch" (S.200), "Bruch mit dem Pathos und der Feierlich- keit, der Sprachlüge ..." (S.237). Den Bruch begleiten die "Ein- samkeit" seiner "Erinnerungen" (S.45), das Gefühl des überall "Fremdseins" (S.51), des Gespaltenseins (S.73), das Gefühl von der "Illusion der "festen Welt"" (S.158). Dasselbe Befinden drückt die Aussage "Dieses Land gehört nur erinnert noch mir" (S.55) sowie der Titel des VI. Kapitels im ersten Teil aus: "Rückkehr ins Aus- Land, wo ich zu Hause bin" (S.115). Schlesak spricht außer dem Verlust der alten siebenbürgischen Heimat die Schuldproblematik, die eigene und die Gruppenidentität, Totalitarismus und Ideologie an. Bereits im Vorwort schreibt er, daß er in seiner Jugend in einem verbrecherischen System (gemeint ist die Nazizeit in Siebenbürgen) "naiv mitschuldig" wurde (S.9). Er fragt sich heute, ob er selbst schuldig geworden ist und antwortet: "mit Sicherheit: Ja! Schon weil ich bis 1969 in jenem tausendfach verquickten Schuldsystem Ost "geblieben" bin" (S.149). Im Gespräch mit Stefan Sienerth (S.331-347) spricht Schlesak seine "roten Jugendillusionen", seine "Scham wegen der braunen Verbrechen" bzw. der "Untaten der eigenen Leute" an. Die Schuldigkeit der Siebenbürger Sachsen kommt wiederholt zur Sprache. Schlesak nennt Familienmitglieder, die in der SS gedient haben, er bringt ein Gespräch mit Dr. Viktor Capesius, der als Lagerapotheker in Auschwitz war (S.286-303). Im "Nachtgespräch der Nachgeborenen mit dem Raketenprofessor Hermann Oberth aus Schäßburg und Hermannstadt in Siebenbürgen" (S.215-221) klingt stellenweise ein vorwurfsvoller Ton an.   Die Schuldproblematik kommt in Verbindung mit dem  Identitäts- bzw. Gemeinschaftsverständnis der Siebenbürger Sachsen am prägnan- testen zur Sprache. Schlesak identifiziert bei dieser Gemeinschaft neurotische Züge, die sich in Selbstüberschätzung äußern (S.134). Die Siebenbürger Sachsen geben ein Bild des Selbstmitleids ab für das Leid, das sie durch andere erfuhren (Deportation in die Sowjet- union) (S.218), doch über ihre eigenen Untaten schweigen sie sich aus. Der Aussage "wir waren immer geschlossen, werden immer zusamenhalten, immer" erwidert der Verfasser: "Da beneide ich euch. Wirklich. Ihr seid noch da, habt gemeinsam einen festen Boden, auch wenn es ihn nicht mehr gibt, Einbildung, die so ausgeträumt, zwischen euch sich gibt und lebt" (S.166f.). Dieses Gruppenbewußt- sein empfindet Schlesak als "Fassade", die ja nicht erschüttert werden darf, weil sonst die Wahrheit über das, "was früher war, im Krieg und vorher" ans Licht kommt (Ebenda). "Amnesie auch heute Saschsenschicksal?" fragt Schlesak im "Nachtgespräch ..." (S.217). Diese falsch verstandene Gruppenidentität äußert sich bedauerlicher- weise auch auf ästhetischer Ebene in einem "Pathos und der Feier- lichkeit, der Sprachlüge des Gefühls im historischen Vakuum des Zentrums" (S.237). Schlesak identifiziert im Aufsatz "Zur Ursachen- forschung des Heimatverlustes: Zeitfelder 1940-1945. Das verdrängte Inferno" (S.270-285) bei den Männern, die dem Nationalsozialismus zu Diensten standen, wie beim Sachsen-Autor Heinrich Zillich, "das falsche, unechte Pathos und auch das falsche Gefühl" (S.280) und er bedauert, daß die alten Gefühle frisch geblieben sind (S.283). In Verbindung mit dem Zensurgehabe der Herausgeber des "Schäßburg" -Heimatbuches gegen seinen Beitrag "Die Literatur der Stadt Schäß- burg in Siebenbürgen" stellt Schlesak fest, daß dieses Verhalten aus der Mentatlität der 40-er Jahre entspringt, die sich mühelos "herübergerettet" hat (S.318). Die Stelle, in der er die Entwick- lung Arnold Roths oder Zillichs als "Verrat an der achthundert- jährigen sächsischen Tradition" anspricht (S.315), wurde im Geiste dieser Mentatlität gestrichen. In der harten Diskussion um die zensurierten Passagen konnte Schlesak nachweisen, daß "die sieben- bürgische Nazizeit ein Verrat an der 850 Jahre alten Tradition der Siebenbürger Sachsen gewesen war" (S.320). Dem bei vielen Siebenbürger Sachsen der Erlebnisgeneration mit nationalsozialistischem Gedankengut unterspickten Gemeinschafts- bewußtsein stellt der Verfasser seine eigene Identität gegenüber, die sich durch Einsamkeit (S.45), durch Fremdheit in Siebenbürgen, Deutschland oder Italien (S.51) auszeichnet. Schlesak betrachtet sich in kulturanthropologischer Perspektive als Produkt der Post- moderne, "wo das moderne Freisetzen aller gebundenen Identität zum Abschluß kommt: Es ist jetzt nur zu leicht, Identität zu wählen, aber nicht mehr möglich, sie festzuhalten" (S.257). In soziologi- scher Perspektive läßt er den Grundsatz gelten, daß Identität erst über "Exklusion" entsteht, nicht mehr wie früher über "Inklusion" (S.259). Verfasser betrachtet sich als "Zwischenschaftler" und "Deutscher der Dritten Art", "der Ost und West bewußt in sich zusammenstoßen ließ", deshalb keinem der von Georg und Renate Weber beschriebenen fünf "Reaktionstypen Emigrant-Immigrant in Deutsch- land" entspricht (S.265f.). Aus diesem Grund spannt sich bei ihm wie auch bei den Vertretern der rumäniendeutschen Lyrik der 90-er Jahre die Sprache "bis an ihre Extreme, ihre äußersten Grenzen" (S.244). Deshalb liegt ihm das "Negative im Paradox", dessen sich die genannten Lyriker bedienen, um "zu sagen, was ist" (S.242). Schlesak zählt sich zusammen mit diesen Lyrikern zu dem "am Rand" angesiedelten Menschentypus, also zum Grenzgängertum ("Schreiben als posthumes Leben. Rumäniendeutsche Lyrik der 90-er Jahre" (S. 237-247)). Im Gespräch mit Stefan Sienerth (S.331-347) bezeichnet er sich zurecht als "kritischen Intellektuellen". Auch diesbezüg- lich steht Schlesak im Gegensatz zur Schreibweise jener siebenbür- gisch-sächsischen Autoren, die mit einer pervertierten Religiosität alle möglichen "Gefühle", vor allem den höchsten Wert der Gemein- schaft, das "deutsche Wesen" samt dazugehöriger Pflicht und Gehor- sam ansprechen und noch 1986 den modernistischen Stil als "unsäch- sisch" und "fremd" apostrophierten (S.275). Auf die Gemeinschaft fixierte Literatur erzeugt laut Schlesak "ethnisch bedingte Grup- penhalluzination" (S.282).   Die hauptsächlichen Ursachen von Dieter Schlesaks Grenzgängertum liegen in den beiden Totalitarismen, dem braunen und dem roten, die er auf eigener Haut erlebt hat. Als Fallstudie ist der Essay "Erfahrungen mit der totalitären Seele zweier Diktaturen" (S.171- 215) einzustufen. Am Beispiel des französischen marxistischen Philosophen Louis Althusser veranschaulicht Schlesak die "totali- täre Seele als abschreckendes Beispiel, die in einer ideenreichen Selbstkonstruktion lebte", "Meister, auch rhetorisch, der Insze- nierung und der Show" war (S.181,183) und auch vor Mord nicht zurückschreckt. Solch ein Denkertyp setzt  die "Theorie als Kom- pensation der Lebenskomplexe" ein. Schlesak identifiziert bei Althusser "... die infantile "Beherrschung des Ganzen", jene "tota- litäre Seele" " (S.184). Totalitäre Weltanschauung artikuliert sich in Ideologien, die der Verfasser zurecht "Krankheit des Kopfes" und "Krankheit der Seele" nennt. Er stimmt mit dem nach Paris ge- flüchteten rumänisch-jüdischen Philosophen Fondane überein, daß Gottes Abwesenheit (=Atheismus) über Ersatzhand- lungen, Ersatzreligionen (rot, braun und gold-braune Marktideologie) zum selbstverschuldeten Ende, also zur Katastrophe führt (S.213). Die souveräne Handhabung philosophischer Themen stellt Schlesak im Essay "Über Sprachskepsis, Bildverbot und den Begriff der Zeit" (S.348-371) erneut unter Beweis. Das alte "Bildverbot" der Bibel (Altes Testament) wird wieder zeitgemäß (S.350), im Kontext der Fixierung auf das "rein Zweckmäßige, Nur-Sichtbare", was der Ab- trennung vom Unsagbaren entspricht. Hieraus entspringt "das banau- senhafte Kunstverständnis des Kitschs und "Volksgeschmacks" der Diktaturen rot und braun", das "Konzept "dekadente" und "ent- artete Kunst" als Symptom des Realitätswahns; die Patentlösung war auch in diesem Bereich Vernichtung des Abweichenden, "Frem- den", der für Diktaturen gefährlichen "Alterität" in der Kunst, im Geist" (S.355). Schlesak plädiert für die Ästhetik des Feh- lenden, das erst aussagt, was ist (S.356). Als Fazit darf behauptet werden, daß Dieter Schlesak sich in die- sem Buch als einzigartiger und origineller Literat darstellt, der fern seiner eingebüßten siebenbürgisch-sächsischen Heimat das Kreuz der Heimatlosigkeit und des Grenzgängertums trägt. Mit den dafür Hauptverantwortlichen, dem braunen und dem roten Tota- litarismus, rechnet er ab, ist aber zutiefst verbittert, daß die nationalsozialistische Weltanschauung, die seine frühe Jugend ver- düstert hat, bei den in der Bundesrepublik lebenden Siebenbürger Sachsen unselig nachwirkt. (Erschienen Allg. Dt. Zeitung für Rumänien (ADZ) - Karpatenrundschau, 13. Juni 1998, S.2). Gehe zu TOP



©Dieter S C HL E S A K

IN EINER STUNDE WERDET IHR EUCH WIEDERSEHEN

Ein Gespräch mit dem siebenbürgischen Auschwitzapotheker
Dr. Victor Capesius

(TONBANDPROTOKOLL 1978)

DS: "Thought, Reform and the Psychology of Totalitarism" von Robert Litton, Yale University...er hat Sie um Auskunft gebeten für das Buch?
FC: Ja, mehr eine psychologische Studie.
C: Jedenfalls verkauft er seine Bücher sehr gut.
FC: Ja, und er hatte auch das Interesse mit dir zusammenzukom- men, um die Empfindungen...
C: Ich habs abgelehnt.
DS: Sie sollten schreiben, was Sie dort...
C: ... empfunden hätte bei dieser Tätigkeit, die wir dort ausgeübt haben, so in dieser Art... das war recht verschieden, wir... ich hab es nachher erfahren, wir wußten nicht, daß unsere Wohnungen in unserer Abwesenheit genauestens kontrolliert werden, ob wir nicht irgendwelche Edelsteine oder Gold genommen haben von jemandem.
FC: Du meinst dort in Auschwitz?
C: Ja, in Auschwitz. Und die Apotheken natürlich auch, vom Boger. Er war der Politische. Ja, sicher.
DS: Ich habe die Bücher darüber gelesen, weil es mich sehr belastet, daß ich auch aus dieser Sozialisation komme; wenn ich älter gewesen wäre, hätte ich die Chance gehabt ebenfalls da rein zu kommen, es hätte mir das gleiche passieren können...
C: Und die Landsleute, die dort Wache geschoben haben, die waren ja so geschult. Und der der Schulleiter gewesen ist, der läuft jetzt frei herum, der hat mich einmal gezwungen über den Himmler zu sprechen, und ich hab so im Laufe des Gespräches gesagt, "der Reichsheini". Und da wollte mich ein Teil dieser Unterscharführer nachher anzeigen. Aber da haben die Siebenbürger es durchgesetzt, daß nichts gemacht wurde. Die haben gesagt, wenn du das tust, zeig ich dich wegen dem und dem an. (Lachen). Und dann war Ruhe. Ich hab es anfangs nicht erfahren; erst nachträglich hat es mir ein Siebenbürger gesagt.
DS: Waren viele Siebenbürger dort?
C: Ja, 2-300. DS: Ich meine aber Wachmannschaften.
C: Wachmannschaften.
FC: Der Albert, der war ja auch da. Ja.
C: In diesem Buch vom Langbein, da ist er angeführt, Untersturmführer war er, Leutnant.
DS: Nicht Obersturmführer?
C: Vielleicht am Schluß. Im Vierundvierziger da sind wir noch befördert worden alle mal, wie wir die Heimat verloren hatten. Da hat man jedem eine Beförderung gemacht...
DS: Sie waren ja die höchste Charge im Prozeß?!
C: Ja. Denn der Kommandant war... der ist ja gestorben im Lager...
DS: War das zuletzt der Höß?
C: Nein, der Wirths.  Nein, der Wirths war ja Standortarzt. Der Höß war der eigentliche Kommandant gewesen bis zum Schluß. Der Höß war die eigentliche treibende Kraft dort, ohne ihn wäre es nicht so scharf zugegangen... Die meisten sind ja nach dem Krieg abgeurteilt worden...
DS: Also gehängt oder....
C: Ja, gleich nach dem Krieg. Auch der Dr. Klein Fritz.
DS: Woher stammt der?
C: Kronstadt. Und der Klein Fritz war in Auschwitz. Und war Untersturmführer. Er war damals schon gut  65 Jahre alt. Er hätte nicht mehr einrücken müssen. Aber er ist eingerückt.
DS: Freiwillig?
C: Und er hat als Untergebener vom Mengele Dienst gemacht in Birkenau. Und ist bei Selektionen und so immer hinter dem Mengele spaziert und hat mitgemacht und so weiter, teils selbst gemacht, teils hat der Mengele gemacht. Und da kommt der eine Arzt aus Tg. Mures mit seinen Zwillingen. Und der Klein hört wie der sagt, es seien Zwillinge, die bringt man dort gerade fort, und der Klein sagt gleich: Zwillinge? wo sind die? Und dann ist er gleich gesprungen zum Hauptsturmführer Mengele, der zwei Grad höher war ...
DS: Den kennt jeder, der ist sehr bekannt geworden.
C: Naja, weil sich alles um dies gedreht hat in Auschwitz. Denn die Amerikaner haben die Studien, Erbforschung... Zwillingsforschung und Erbforschung...
FC: Eineiige Zwillinge, das war sein Spezialgebiet.
C: Und das haben die Amerikaner von den Polen für viel Geld gekauft, weil das eine sehr wichtige Sache war, da man ja nie so ungeniert forschen konnte, wie dort...
DS: Furchtbar...
C: Na sicher. (Pause). Und der Mengele hat abgewunken, weil es nicht eineiige waren. Und dann kommt der Klein zurück und klopft dem Mann auf die Schulter und sagt: Na, lassen Sie, in einer Stunde treffen Sie sich ja wieder... Und nachdem der Klein nach dem Krieg gleich hingerichtet wurde wegen diesen Lagerverhältnissen in Bergen-Belsen, hingerichtet worden ist...
DS: Wo die Häftlinge nur bewacht worden sind und wo sie verhungert sind! Sie sind ja so zu Tode gebracht worden... C: Sie sind nicht zu Tode gebracht worden. Man konnte nicht mehr soviel Nahrung geben für sie. Und es kam alles aus dem Osten und kam bis Bergen-Belsen. Bergen-Belsen war für 12000 Leute eingerichtet und 120 000 waren da. Ja, wie sollten die gesund leben. Die, die über mich geschrieben hat, die hat auch über Bergen-Belsen geschrieben. Sie war auch dort (als Häftling) und da schrieb sie, wie schön war es doch und wie ordentlich in Auschwitz, da sind die Leute gleich verbrannt worden, hier aber (in Bergen-Belsen] hat man sie einfach, weil es zu kalt war, es keine Feuerung gegeben hat, hier wurden sie aufgestapelt im Hof, und die Ratten haben sich vermehrt an denen. Und dann sind die Ratten in die Baracken gekommen und haben auch da alles zernagt.
DS: Furchtbar.
FC: Ja, es ist furchtbar.
C: Das schreibt sie in ihrem Buch.
DS: Aber wie heißt die Frau?
C: Zuhause habe ich es in den Akten.
FC: Sollen wir nicht nach Hause gehen, Kaffeetrinken?
C: Klein war tot, ihm konnte man es nicht mehr in die Schuhe schieben, die Leute aus Israel aber wollten auch einmal gerne nach Deutschland kommen und sich mit ihren Freunden treffen, und mal hier etwas einkaufen können usw. und so ist der Doktor gekommen, so hat er alles, was auf den Klein stimmte auf mich angewandt, weil ich auch ungarisch spreche. Da hatte ich zwei Zeugen, daß ich an dem Tag, an dem er gekommen ist, am ersten oder am zweiten Pfingsttag, ich habs genau zu Haus, daß ich nicht dort war, ich war damals in Berlin beim Bäcker Pepi, das ist ein Schwab, der war dort als Sturmbannführer in der Zentral-Apotheke in Berlin, und ich war in Berlin. Und da waren zwei Schwestern, und diese zwei Schwestern waren beim Abendessen beim Bäcker. Da hats alles gegeben, was es im Banat gibt. Und in der Früh ist die Schwester zum Dienst und da ist ihre Schwester gekommen und die zwei Schwestern hätten nun ganz klar beweisen können, daß ich dort bei ihnen war. Aber die hatten Angst, weil die eine in Amerika lebt, vor einer Verfolgung und Behinderung durch die dortigen Juden. Und die andere konnte natürlich auch nicht aussagen. Und ich hab dann darauf verzichtet. (...) Ja, die Gisela Böhm... Wenn sie den Paskewicz fragen, was hat ihm die Frau Böhm unten in Segesvar gesagt.
FC: Die Frau Böhm sollte herauf als Zeuge...Und sie hat zum Paskevicz gesagt, ich bin in solch einem Dilemma, ich weiß gar nicht wie ich mich verhalten soll. Einesteils hätte ich Schwierigkeiten bei den Juden, wenn ich nicht gehe, andererseits hat mich der Capesius immer anständig behandelt und ist mir nett entgegengekommen. Der Dr. Mendel, er ist ja der Bruder von der Frau Dr. Böhm, hat zu mir gesagt, er ist zu mir in die Apotheke gekommen; ich verdanke nur Ihrem Mann es, daß meine Schwester am Leben geblieben ist. Und die war mit ihrer Tochter in Auschwitz.
C: (Sucht in einer Kladde und in einem Auschwitz-Buch )...  Ella Böhm, das war die letzte Eintragung von Frauentransporten. Dr. Ella Böhm: A 25382 und A 25 383 für die Tochter...
DS: Und der Mann war nicht dabei?
C: Der Mann ist zuhause gestorben und nicht während des Prozesses, wie sie gesagt hat... Ja, da kam sie in die Apotheke (in Auschwitz) und hat geschrien: Mikor a Doktorur látam, tudok hodj elni fogog. Und hat einen Schrei getan. Und zu ihrer Tochter hat sie gesagt: Hat näm üschmers äs a Doktorur, a Segesvári Doktorur. Und ich hab ihrem Bruder, dem Rechtsanwalt Dr. Mendel geschrieben: Schwester und Tochter sind bei mir. Ich werde für sie sorgen, sorgen Sie für meine Familie.
FC: Und Frau Zilinski hat mir ein Telegramm gezeigt. Und in dem Telegramm war der Vorschlag zum Austausch der Familien.
C: Aber Schatzele, da ward ihr ja schon unter den Russen. ... Nun, unten in Segesvár ist sie ( die Tochter von Frau Dr. Böhm) auf meinem Knie gesessen und der Mendel ist neben mir gesessen, wir haben bei der Ruth Fabritius verkehrt zusammen... und diese Tochter ist bei mir auf dem Knie gesessen, und das Foto haben sie dann (zum Prozeß) mitgebracht. Eben dadurch wollten sie nun untermauern, daß ich sie gekannt hab. Natürlich hab ich sie gekannt. Aber sie haben ja drei Wochen gebraucht, bis sie zu mir in die Apotheke gekommen sind: wenn sie mich auf der Rampe gesehen hätten, denn sie hat dann gesagt: es waren drei: Mengele , Klein und Capesius, er hat nichts gemacht, er ist nur dort gestanden, hat sie dann gesagt, (wäre sie doch sofort gekommen). Der rumänische Staat hat sie herausgelassen unter der Bedingung, daß sie belasten. (...) Genauso wie die Böhm gesagt hat, ich wär auf einem Rad im Lager ringsrum gefahren und hätte sie zur Strafe im Kreis lau- fen lassen... ich wär mit dem Rad hinter ihnen gefahren und hätte mit der Peitsche auf sie eingeschlagen. Es hat das gegeben. Aber das war dann dort der einfache SS-Mann, der sie gestraft hat, weil sie irgend etwas gemacht haben, vielleicht auch weil sie das Essen von 80 Leuten gestohlen haben oder sonst diese Sachen. Das ist schon vorgekommen, daß man so bestraft wurde. Aber da fährt doch nicht ein Sturmbannführer (Lachen) mit dem Bizzikel herum. Das hats dort doch nicht gegeben. Es war ja kein Zirkus...
DS: Ein Prozeß, das ist ja ganz gut, aber die Dinge, die da geschehen sind, die gehen doch über einen Prozeß und über die Kompetenz eines Gerichts weit, sehr, sehr weit hinaus. Das alles ist für mich so unvorstellbar, das kann man doch nicht einfach mit irgendwelchen Gesetzen...
C: Wie ich am 12. Februar 1944 hinkam, da war für sie der Krieg schon verloren, für mich auch. Der Sikorski hat gesagt, Chef habe gesagt, schau: heute seit ihr hier, morgen vielleicht wir. Krieg ist nicht mehr zu gewinnen. Chef hat gesagt... Ja, das bin ich.
DS: Mußte man keine Angst haben, dort so etwas zu äußern?
C: Ich ihm gegenüber nicht.
DS: Er war Apotheker, Häftlingsapoheker?
C: Ja. Und sein Vater war noch Apotheker beim Zaren gewesen. Am 12. Februar kam ich also dorthin. Und es stand schon in den Listen, wo ich  nachgezogen werden sollte von Berlin: Soll für den erkrankten Apotheker Krämer als Ersatz eingesetzt, als Vertretung eingesetzt werden. Der in Berlin hat gesagt, sie kommen in ein SS-Lazarett, sie müssen aber auch die Häftlinge, die dort in Lager haben, mitbetreuen. Mit...
FC: Mit Medikamenten versorgen...
C: Und bin dann hingefahren. Und am 12. bin ich dort angekommen. Am 12. hat der Sturmbannführer mir die Apotheke gezeigt, übergeben, mit mir herumgegangen und hat nichts über die Krankheit gesagt, ich hab auch nicht viel gefragt, ich dachte nur, es geht ihm besser scheinbar. Dann ist er wieder zurück zur Abteilung. Im selben Haus im ersten Stock. Dort war so eine Sanitätsabteilung für die erkrankte SS. Es gab nicht viele Erkrankungen bei der SS, denn die waren ja alle gut genährt und hatten ja ihre Familien dabei, die meisten.... Der Mann jedenfalls (Krämer) ist damals wegen Defaitismus erschossen worden, weil er allen Ankommenden erzählt hat, sie werden noch Auge machen, da ist Sodom und Gomorrha. Es gibt noch etwas mit der Unterwelt, irgend so ein Zitat, das auch vorkommt, das man so sagt, wenn es einem mies geht, am miesesten geht...
DS: Die Apokalypse?
C: Nein, nicht das...
DS: Das Inferno?
C: Ja, das Inferno in der Unterwelt sei nichts dagegen, so in der Art. Er hat aber eine kleine SS-Nummer gehabt, aus dem ersten Jahr...
C: Mich hat man im Prozeß oft gefragt: Na, Sie hätten sich doch einfach an die Front melden können. Ich konnte mich nicht an die Front melden, ich war zu alt. Denn an der Front waren junge Ärzte, die Leutnants waren, die Obersturmführer waren, die wollten nicht einen Apotheker, der Sturmführer oder Hauptsturmführer war, und dadurch nach SS-Manier das Kommando hat.
DS: Haben Sie versucht mal...
C: Nein, das hat man gesagt, daß man nicht kann, daß man uns nicht braucht dort, man kann nur im Hinterland beschäftigt werden.
DS: Wie war das, hat der Roland A., der hat sich doch, glaube ich, freiwillig dann an die Front gemeldet, der ist ja dann auch abkommandiert worden...
C: Wie die Sache vorüber war... so hieß das bei uns, naja, sicher.... Wenn man im November 44 ihn also abkommandiert hat, dann war das alles schon vorüber. Man hat um die Zeit alle abkommandiert, die man irgendwie verschwinden lassen wollte... daß man nicht viel merkt. November 44. Da war dort alles schon vorüber, denn die Ungarn sind im Juni/Juli gekommen, dann sind noch im August ein paar Leute gekommen und dann war es ja vorüber mit der Vernichtungsaktion...
DS: Die meisten Belastungen waren doch im Zusammenhang mit dem Transport aus Klausenburg für sie...
C: Ja, sicher... das kam alles damals in der Pfingstwoche.
DS: Schöne Pfingstwoche...Und wie war das mit Roland Albert?
C: Sein Vetter oder wer aus Innsbruck, der hat ja dann die Sache doch noch geschmissen... er war dort Staatsanwalt oder so etwas in Innsbruck. Oder ein guter Bekannter. Sie können ihn ja fragen, er wird es Ihnen erzählen. Und der hat alle Papiere verschwinden lassen.Es haben keine Papiere mehr existiert, es konnten keine Belastungen gebracht werden, und die Leute, die da eine Belastung gemacht haben, waren zum Teil schon tot.
DS: Wie begann überhaupt Ihre "Laufbahn"?
C: Sicher, wir sind in Hermannstadt assentiert worden. Assentiert worden vom Dr. Richard Weindel  ... in Bukarest, der ist überall hingefahren mit so einer Kommission. Einwaggoniert in Hermannstadt. Im Viehwaggon bis nach Wien. Und ich wurde von Wien zuerst nach Berlin geschickt im Ersteklassewagen und alles, vorher waren wir im Viehwaggon gekommen.
DS: Und dann kamen Sie ja von Berlin, kamen Sie zum erstenmal in so ein Konzentrationslager? Sie haben ja vorher überhaupt keine Ahnung davon gehabt?!
C: Doch. Nicht vom Konzentrationslager direkt, sondern vom Zentralen Sanitätslager in Warschau...
DS: Sie kamen also von Warschau nach Dachau?
C: Warten Sie, wir kamen von Berlin, dort sind wir acht Wochen herumgelaufen, haben bezahlt, damit sie unsere Uniformen schneidern, das hat der Pepi arrangiert, der Bäcker, dem hats kolossal gefallen in Berlin, wir haben dort Zigaretten und alles gehabt. Hat eine Schachtel Zigaretten hingelegt und hat verlangt drei Karten in der ersten Reihe oder der zweiten Reihe, in der Friedrichstraße war ein Kabarett á La Pol Bergiger in Paris... das war im Herbst 43. Und dann sind wir alle zusammen geschickt worden zu einem österreichischen Apotheker, der in Warschau das Zentrale Sanitäötslager hatte und wir sollten uns dort allmählich an die Sache gewöhnen, und der hat auch son wenig Schulung gehalten vom absoluten Befehl und daß man eben tun muß, was befohlen wird: Es gibt keine Widerrede. DS: Das kannte man ja schon von zu Hause...
C: Weil man ja in Stellen... das hat mir ja auch der Wirths* dann gesagt: Ich habe im Lager Sondervollmachten, hat der gesagt, ich kann sofort erschießen lassen... mich könne er erschießen lassen.
FC: Ja, weil du dich gewehrt hast zu selektieren?
C: Ja. Und ich hab mich dann sofort ans Telefon gehängt und hab mit dem Pepi gesprochen...
DS: Aus Hermannstadt stammt der ?
C: Nein, aus dem Banat. Und der hat sofort mit den Gruppenführern gesprochen, die beim Führer waren, der höchste von der Arzeneiabteilung, ist ein großer Mann gewesen, körperlich groß...
DS: Ich weiß, wie er heißt, hab es aber vergessen.
C: Der hat dann veranlaßt und der hat den Standartenführer Lolling, der war der höchste Arzt über die KZ`s, den hat er zur Sau gemacht. Was könnt ihr da machen, da kommt ein Apotheker mit Erfahrung und will euch helfen, arbeiten, und dann stellt ihr ihn in einen Betrieb, der ja gar nichts mit der Apothekerei zu tun hat. Sie werden sofort hinfahren und Ordnung schaffen. Und dann ist er nach Auschwitz gekommen...
FC: Der Lolling oder wer?
C: Ja. Und sie haben mich dann eingeladen zum Wirths.
DS: Sie waren also damals schon in Auschwitz? Von Warschau aus?
FC: Du hast nicht richtig erzählt, Victor!
C: Nein, von Warschau nach Dachau, und dann von Dachau direkt nach Auschwitz. Über Berlin. Dort gemeldet bei dem Lolling. Aber das andere war schon in Auschwitz, vorher hat mich ja kein Wirths bedrohen können.
FC: Und der Wirths hat verlangt, daß du selektierst, und du hast dich gewehrt und  darauf hat er gesagt, ich kann Sie erschießen lassen...
C: Und mein Unteroffizier hat es gehört, denn er hat sich im Nebenzimmer ans Heizrohr gestellt,  er war neugierig, hat aber hier nicht soviel Charakter gehabt,  das anständig auszusagen beim Prozeß...
DS: Und was war vorher mit Warschau?
C: In Warschau war kein Lager mehr, da war alles ratzeputze abgebrannt. Da war auch ein Lager vorher. Aber da hat man ja diese große Vernichtung gemacht. Da war das Getto, wo der Aufstand war. War alles weggeputzt. Dort hab ich kein Lager gesehen.
DS: Und in Dachau?
C: In Dachau hab ich mein erstes Lager gesehen. In Dachau war damals noch immer ein recht geordnetes Lager. Es waren auch keine Vergasungen in Dachau, und es war in der Art nicht. Es war ein strenges Regime , aber zu uns sind Häftlinge gekommen in das Zentralsanitätslager und in das Spital - ich hab im Lazarett ein Zimmer gehabt für mich - und haben dort Ordnung gemacht bei uns, und es war alles tadellos zuverlässig.
DS: Wars kein Schock für Sie?
C: Dort nicht. Und in Dachau, wenn die Leute ausmarschiert sind, sind sie singend ausmarschiert mit der Hacke am Rücken, die haben dort im Moor gearbeitet...
DS: Die Moorsoldaten.
C: Aber sie haben gar nicht den Eindruck gemacht damals, daß sie verhungert wären.
DS: Sie sahen also nicht so furchtbar aus, wie man sich die Häftlinge vorstellt?
C: Nein, nicht so aus, wie das, was ich nachher in Auschwitz gesehen habe.
DS: Sie waren ja dort völlig ausgemergelt, ich meine, was man so auf Fotos gesehen hat und in Filmen.
C: Aber das ist alles hauptsächlich im letzten Jahr passiert, weil man dem Rückfluten auch nicht mehr gewachsen war. Auch die Aufnahme in Auschwitz konnte nicht 150 000 oder 300 000 Menschen aus Ungarn innerhalb eines Monats schlucken...
DS: 400 000...
C: Ja, aber es sind ja 200000 oder 250000 gleich ins Gas gegangen, die haben nichts zu essen bekommen. Und an jedem Zug waren zwei Waggon Lebensmittel angehängt, die hat man dem Lager zur Verfügung gestellt. Man hat sie nicht für die deutsche Bevölkerung freigemacht, wie man das hier so schön im Prozeß sagen wollte. Zwei Waggon waren voll mit Lebensmittel, da war die ungarische Regierung dafür verantwortlich, das mußte vollgestopft sein: Ein Waggon mit Speckseiten (DS: Siebenbürgischer Speck!) Ja, die kamen ja alle aus Siebenbürgen. Und halbe Schweine geräuchert. Oder dann waren Bohnen und Erbsen in Säcken, ebenfalls, der Waggon bis oben voll.
DS: Und sie haben das dann auch bekommen, die Häftlinge?
C: Ja, ja.
FC: Aber das war doch zu wenig!
C: Nein, für die die gearbeitet haben, war es nicht zu wenig, denn die haben 2000 Kalorien bekommen, und haben sich noch manches beschaffen können. Denn wenn die irgendwo in der Erde oder bei den Arbeiten etwas gefunden haben, was man noch verscheuern konnte, dann haben sie es nach außen verscheuert. Und der Bäcker, der Weißbäck, der hat gegen Gold und Diamanten denen Brot gegeben noch und noch.
DS: Ein richtiger Schwarzmarkt.
C: Na, sicher.
DS: Wenn man aber da ist...
C: Ja, wenn man das Elend sieht, ist es so deprimierend und es kommt einem zum Kotzen. Ein Erbrechen ist unbedingt da. In der ersten Zeit. Man gewöhnt sich dran. Aber der eine hat sich z.B. nicht dran gewöhnt, der hat eine Zeitlang selektiert...
DS: Wer, der Dr. Lucas?
C: Lucas. Sie sind ja gut im Bild!
DS: Ich habe alles gelesen, weils mich...
C: Omnia. Das hat nicht der Lucas gesagt, das war so ein Großer. Das war die Laborantin, die hats Labor gemacht. Der Lucas jedenfalls war auch nicht so, wie er von seinen Schwestern sehr positiv beschrieben wird. Ihn haben nämlich die Kreuzschwestern rausgeholt aus dem ganzen.
DS: Aber er hat den Aufenthalt dort als Selbsterniedrigung empfunden, daß er das machen mußte, daß er überhaupt dort war. Das Gewissen hat ihm geschlagen...
C: Naja, und er hat dann den Bischof befragt.
DS: Und einen hohen Justizbeamten auch.
C: Ich kenn noch jemanden, der den Bischof befragt hat, über den Onkel, der Onkel war Professor in Wien, und hat es dem Innitzer...
FC: Dem Bischof... dem Kardinal...
C: Und hat erzählt, was dort los ist.
DS: Sie haben es in Wien erzählt, im Urlaub?
C: Ja.
DS: Wem?
C: Dem Professor Finsterer, der ist gegangen zur Donnerstagsrunde
DS: Also ihr Onkel?
FC: Mein Onkel ist der Professor Finsterer, und wie mein Mann in Wien...
C: In der Donnerstagsgesellschaft da sind sie alle zum Innitzer. Das ist so ein Jourfix.
FC: Der Finsterer hat es dem Innitzer erzählt...
C: Und der Innitzer hat gesagt, da kann man nichts machen, das ist eben so, wir müssen froh sein, daß wir quasi gut weggekommen. Und der Onkel...
DS: Wer ist so gut weggekommen?
FC: Österreich eben, nicht wahr...
DS: Aber es waren viele  Österreicher in den KZ's, sowohl Häftlinge als auch Wachmannschaften...
C: Na, das spielt keine Rolle.
FC: Das interessierte den Papst nicht, der Papst hat es doch gewußt...
DS: Gewußt.
FC: Der Papst hat es gewußt und der Innitzer hat es auch gewußt.
C: Und der Innitzer war höher als der Herr Bischof vom andern Lucas... Aber ich hab die Innitzersache nicht gebracht wegen dem Onkel. Und der hat wahrscheinlich so etwas gehört von mir...
FC: Da war er doch schon tot, Victor...
C: Naja, aber die Tante war nicht tot und die Kinder. Und es ist immerhin ein Schock, wenn so etwas ins Gespräch kommt, die ganze Familie leidet darunter...
FC: Bitte, der Finsterer hat gesagt, ich habe es eigens meiner Mutter gesagt, der Finsterer ist dann elend zugrundegegangen, das heißt, er war in geistiger Umnachtung. Dieser supergescheite Mann ist dann tatsächlich elend zugrundegegangen, und hat ja auch lichte Momente gehabt und hat gesagt: Ich nehme es  als meine Strafe. Er war kolossal fromm und katholisch: Ich nehm es als meine Strafe hin, dieses Leiden, weil ich davon gewußt  und nicht den Mut gefunden habe, etwas dagegen zu unternehmen.
C: Aber wem hätte man es sonst sagen können?
FC: Aber bitte, Mann, in der damaligen Zeit.
C: (Redet erregt dazwischen).
FC: Für die damalige Zeit, denn jetzt kann man es aus einer anderen Perspektive anschaun... Das Leiden als Strafe, weil ich gewußt habe, eben von ihm gewußt hab, und was dort passiert und weil ich nicht den Mut gefunden habe, etwas dagegen zu tun. Er hat es dem Innitzer gesagt.
C: Der Innitzer hat nachher auch gesagt...
FC: Das hab ich im Fernsehen gesehen, aber viele Jahre nachher: Da war ein Innitzer-Film oder so ein Nachruf. Und der Innitzer hat gesagt: Ich habe heute eine große Spende von meinem Freund Professor Finsterer bekommen, eben für die Wiedergutmachung, den Juden irgend etwas zuzuschicken und ihr Schicksal zu erleichtern, um sie, ich glaube, man konnte sie zum Teil auch loskaufen, es war jedenfalls eine Aktion mit dem Loskaufen. Und dieser Aktion hat eben der Finsterer eine bedeutende Summe gespendet...
C: War der Onkel auch Jude... Sie sind ja Halbjüdin?!
FC: Nein, nein, nein, der Finsterer ist absolut katholisch erzogen worden, und hat es mit seiner katholischen (DS: Theologie?) Nein, Medizin. Der Finsterer ist als ganz armes Kind, Kind armer Eltern...
C: Ich habe dort nur jenen helfen können, die dort zufällig einen Posten bekommen konnten, irgendwie mit uns zu tun hatte. Wir hatten ja oben über der Apotheke eine Sortieranstalt für Medikamente, da haben ja vierzehn Häftlinge gearbeitet, und das waren ja hauptsächlich Landsleute ... und die waren dann hier als Erzkommunisten als Zeugen. Und der eine hat gesagt: Er (Capesius) hat uns geholfen und es ist gut gegangen, aber die andern Millionen sind alle gestorben. Und er war ja dort Apotheker. Das hat natürlich auch dem Gericht nicht imponiert. Denn der hat mit solch einem Haß die Beschuldigung geschrien, weil er ja beschuldigen mußte, sonst konnte er ja nicht (nach Deutschland) kommen.
DS: Vom Gericht wurde das Wort "Verstrickung" gebraucht, und das ist das einzige was man akzeptieren kann. Verstrickung.
C: Ja, wir sind dort reingekommen. Wo wär ich sonst mit Häftlingen zusammengekommen und hätte über 30 000 Häftlingen die Medikamente beschaffen müssen. usw.
DS: Und dieses Wort "Verstrickung" finde ich sehr gut, weil die Voraussetzungen nicht nur in der persönlichen Biographie waren. Denn Sie sind ja nicht Parteimitglied der NSDAP gewesen (Nein!) Und Sie haben sich ja nicht freiwillig gemeldet, sondern sind zum Militärdienst eingezogen worden auf Grund der siebenbürgisch-sächsischen Verhältnisse, der rumäniendeutschen Verhältnisse, das ist doch das Problem. Um überhaupt zu so einer persönlichen Biographie und zur Schuldfrage zu kommen, müßte man zuerst einmal untersuchen, inwieweit diese Erziehung, die man mitgemacht hat und Teil dieser Minderheit, dieses "Völkchens", dieser Gruppe war, inwieweit diese Gruppe selbst und wo die Schuld dieser Gruppe selbst liegt ... das ist erstmals das Problem.
C: Bei der Gruppe in Siebenbürgen liegt es sicher nicht, denn wir haben Juden in der Schule gehabt, und wir waren zum zehnjährigen Maturajubiläum und die Juden waren mit uns angetreten, sie sind auf dem Foto noch verewigt. Und wir haben uns bestens vertragen, und ich habe Juden besucht, obwohl Judenboykott war in Deutschland...
FC: Von der Firma aus besucht... -
C: Und ich bin mit ihnen ausgekommen.
DS: Sie haben ja auch viele gekannt, ich meine dann, die nach Auschwitz kamen in den furchtbaren Transporten... Sie haben die jüdischen Häftlinge zum Teil gekannt...
FC: Ja, die jüdischen Ärzte...
C: Aber die sind ja nur zum Teil in Auschwitz geblieben, die Leute, die man aussortiert hat für die Arbeit, sind ja mit dem nächsten Transport weitergegangen nach Deutschland herein. (...)
C: Von Auschwitz sind insgesamt 231. 000 Personen...
FC: noch lebend weggekommen...
C: ... noch lebend weggekommen.
DS: Und wieviele sind ermordet worden?
C: Gleich an der Rampe?...
FC: In den ersten Jahren sind ja viele...
C: ...Männer und Frauen...
FC:... gespritzt worden (Senkt die Stimme)...
C: Nur hat man ja nicht mehr das Tempo mit den Spritzen einhalten können ... was man gebraucht hat... Männer und Frauen wurden aus den Ungarntransporten 113.000 tätowiert... Sammeltransporte...
FC: Wie der Himmler in Auschwitz war, warst du da schon dort?
C: ... n-nein...
FC: Warst also noch nicht dort! Aber der Sohn vom... Draser hat er geheißen? (Ja.), der hat dann nach Hause geschrieben quasi: heute war unser oberster Führer da, eben der Himmler, und hat Auschwitz inspiziert. Und er ist auch ein Mann wie jeder andere ... er hat ihm nicht imponiert.
DS: Haben Sie Himmler gesehen?
C: Er ist sehr in meiner Nähe gewesen am Schluß.
C: Im Januar 45 sind wir schon geflüchtet... aus Auschwitz. Am 30. September, also am 1. Oktober 44 kamen noch 2490 Leute aus Theresienstadt.
DS: Und die sind alle ermordet worden?
C: Nein. Da hat man 250 Männer und 250 Frauen zuerst mal rausgenommen. Und 1499 hat man vergast, sofort. Und die 500 hat man nicht tätowiert, sondern ins Mexiko-Depot geschafft.
DS: Ich weiß nicht, wie ich gehandelt hätte, wäre ich in diese Maschine hineingekommen...
FC: Ich glaube, daß unter diesen Bedingungen eben doch andere Regeln gelten, andere Maßstäbe angelegt werden müssen... -
DS: Die Maßstäbe schon, aber man kam ja mit seinem normalen Gewissen da rein...
FC: Ja.
DS: Es ist unvorstellbar...
C: Es ist ja von den ersten Tagen immer wieder so: "sprechen", das sagt dir der nächste Bekannte, wenn er Sturmbannführer oder  Obersturmbannführer ist, nicht über diese Sache sprechen...! () Dem entfliehen? Da hätte man Sie doch erwischt! Sie wären doch am nächsten Pfahl aufgehängt worden.
DS: Mir wären auch Selbstmordgedanken gekommen, ich weiß  nicht. (...)
C: Es konnte sich doch der einzelne nicht auflehnen ... und wir konnten unser Vaterland nur retten, wenn die Russen nicht herüberkommen ... aber wir hätten das verhindern können, wenn man nicht alles verraten hätte...
DS: Also daß die Russen kommen?
C: Ja, sicher ... wir wußten, wie es uns geschieht, wenn Stalin kommt. Und das mußten wir bekämpfen. Dagegen mußte man dann eben so manches einstecken.

(Erschienen in: "Halbjahresschrift", Heft Nr.1/1993).   Auch nachzulesen im Buch "So nah so fremd. Heimatlegenden", AGK-Verlag, Dinklage, 1995,  S. 286ff. - Bestellbar bei: AGK-Verlag

http://home.t-online.de/home/totok//halbja~1.htm

e-mail:0308730982@t-online.de

Dr. Johann Böhm, Matthiasstraße 8 D-49413 Dinklage Deutschland (GERMANIA)



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Zum Thema der Rassentheorie bzw. Rassenhygiene seien folgende Bücher erwähnt:

- Medizin im Nationalsozialismus. Mit Beiträgen von D. Blasius, K. Dörner, F.Kudlien, B.Müller-Hill, P.Weindling,, R.Winau, N.Frei, Oldenbourg München, 1988. ISBN 3-486-54651-1.
- Medizin und Gesundheit in der NS-Zeit, Hg. von Norbert Frei. Oldenbourg München, 1991. ISBN 3-486-64534-X.
- Hans-Walter Schmuhl, "Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie" Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, 1992 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 75), ISBN 3-525-35737-0.

Zum Thema Holocaust:

Hermann Langbein, Menschen in Auschwitz, Europaverlag Wien München 1996 (3. Auflage)
Ernst Klee, Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, S. Fischer, 1997.
Geschichzswissenschaft und Öffentlichkeit. Der Streit um Daniel J. Goldhagen, hg. von Johannes Heil und Rainer Erb, Fischer Taschebuch 2690, Frankfurt a.M. 1998

Zum Thema Ideologie:
Robert P. Erickson, Theologen unter Hitler. Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und Nationalsozialismus, Carl Hanser Verlag, München Wien 1986.

©Klaus Popa 1996-1999

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Dokument: .../diskussi.htm/ Erstellt: 06.09.96. Letzte Änderung: 30.04.2006 Autor: Klaus Popa (wo nicht anderes gekennzeichnet).